Die Wahrheit der Füße: Grazer Sportwissenschafter zur Notwendigkeit der Erfahrung am eigenen Leib

Der Körper ist jener „Ort“, an dem der Mensch die Ausbeutung seiner Person, aber auch der Umwelt am unmittelbarsten zu spüren bekommt. Gleichzeitig ist der eigene Leib ein einzigartiges „Medium“ zur Selbsterfahrung. In der Begegnung mit der Natur und den Mitmenschen kann sich jedes Individuum im wörtlichen Sinne erfassen und begreifen. Univ.-Prof. Dr. Ingo Peyker vom Institut für Sportwissenschaft der Uni Graz hat über ein Jahrzehnt zu diesem Thema geforscht. Seine Erkenntnisse sind kürzlich unter dem Titel „Die Wahrheit der Füße“, Teil I – III erschienen.

Peyker sieht seine Bücher als Anleitung zur Selbstbeobachtung. Er konfrontiert seine LeserInnen mit der Frage, wie sie mit ihren eigenen Ressourcen umgehen und zeigt auf, wie wenig die Menschen heute auf ihren Körper und auf die Natur hören. „Wir führen einen Monolog mit der Natur“, so der Wissenschafter. „In der globalisierten Gesellschaft erfährt der einzelne Mensch die Wirklichkeit nicht mehr individuell, indem er mit der Welt um sich herum über seine körperlich-sinnliche Wahrnehmung in Kontakt tritt. Stattdessen erlebt er eine virtuelle Realität, die in erster Linie über Bilder medial verbreitet wird.“

Während früher gemeinsame Erfahrungen einen Konsens herstellten, würden die Menschen nun über die Medien und das Geld auf einen gemeinsamen Nenner gebracht. Als ein Beispiel für die globale Gleichschaltung nennt Peyker unter anderem den Sport. Durch Übertragung via TV können in Sekundenschnelle Millionen von Menschen auf der ganzen Welt erreicht und emotionalisiert werden.

Auf der anderen Seite sieht der Wissenschafter im aktiven Sport eine ideale Chance zur Selbsterfahrung: „Er ermöglicht das Austesten der eigenen Grenzen.“ Darüber hinaus zeigt der Autor auf, wie sich im Sport Körpererfahrung und Bewegungskultur vereinen lassen und damit dem gegenwärtigen Auseinanderdriften von Natur und Kultur etwas entgegen gesetzt werden kann.

Peyker liefert ein Beispiel: „Ich gehe bei einer Bergtour als Führer voran und überanstrenge mich beim steilen Anstieg. Da meldet mir mein Bauchhirn: ,zu wenig Kohlenhydrate – aufhören!’ Ein Rat, der sich jedoch gegen meinen kulturell geprägten Ehrgeiz wendet, so dass mein Großhirn gleich eine Ausrede parat hat: ,Wechseln wir auf die (weniger steile) Sonnseite, dort ist’s doch viel schöner!’ Der Vorschlag ermöglicht mir, vor den anderen mein Gesicht zu wahren und gleichzeitig wieder zu Kräften zu kommen. Kultur und Natur haben zusammen gefunden.“

Der Sportwissenschafter ist überzeugt: „Wer der Wahrheit näher kommen möchte, braucht die Erfahrung über den eigenen Körper.“ Das gelte auch für die Wissenschaften. Ihre Methoden müssten durch die Zugänge der Kunst, Mythen und Religionen sowie des Körperlich-Sinnlichen erweitert werden. Wissenschaftliche Aussagen, die nur in der Simulation, im Labor, unter künstlich geschaffenen Bedingungen bestätigt seien, reichten nicht aus, um die Wirklichkeit zu beschreiben. Erst die Erfahrung des Individuums am eigenen Leib liefere den Beweis.

„Die Wahrheit der Füße“ ist ein Lehrbeispiel für vernetztes Denken und eine Anleitung zur „Gegen-Dressur“ von einseitigen Gewohnheiten des Wahrnehmens, Denkens und Handelns. Ingo Peyker, „Die Wahrheit der Füße“ (Teil I – III), Centaurus Verlag, Herbolzheim 2006

Kontakt:
Univ.-Prof. Dr. Ingo Peyker
Institut für Sportwissenschaft der Universität Graz
Tel. 0316/380-2325 (Sekretariat, Andrea Hausleitner)
E-Mail: andrea.hausleitner@uni-graz.at (Sekretariat)

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Gudrun Pichler idw

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