Plötzlicher Herztod: CONTICA – europäischer Forschungsverbund will Details tödlicher Herzrhythmusstörungen klären

Start für EU-Forschungsverbundprojekt „CONTICA“ unter Göttinger Federführung. EU fördert mit insgesamt rund 2,75 Millionen Euro. StartUpMeeting der europäischen Teilnehmer in Göttingen.


Der „plötzliche Herztod“ kann junge, scheinbar gesunde Menschen ebenso überraschen wie ältere Menschen, die herzkrank sind. Etwa 100.000 Menschen sterben jährlich in Deutschland am plötzlichen Herztod, bis zu zwei Millionen Menschen mit einer Herzmuskelschwäche (Herzinsuffizienz) sind besonders gefährdet. Die Ursachen sind vielfältig: Neben erworbenen Erkrankungen wie Herzinfarkt, Herzinsuffizienz und Herzmuskelentzündung sind angeborene Gendefekte an bestimmten Eiweißen (Proteine) des Herzmuskels typische Auslöser. Eine dieser Fehlfunktionen betrifft ein bestimmtes Protein der Herzzellen, das den Transport von Kalzium in den Herzzellen reguliert. Funktioniert es nicht richtig, kommt das Herz gefährlich aus dem Rhythmus. Plötzliche Herzrhythmusstörungen und so genanntes „Kammerflimmern“ führen noch viel zu oft zum Tod.

Unter dem Dach von „CONTICA“ arbeiten Forscher aus Europa unter Göttinger Federführung zusammen, um die Ursachen des „plötzlichen Herztods“ weiter aufzuklären. Im Mittelpunkt des europäischen Forschungsprojekts „CONTICA“ (Control of Intracellular Calcium and Arrhythmias) stehen dabei die molekularen und zellulären Mechanismen, die bei der Fehlfunktion des Kanalproteins für die Kalziumregulation im Herzmuskel zum „plötzlichen Herztod“ führen. Das EU-Forschungsprojekt „CONTICA“ will herausfinden, auf welche Weise die Fehlfunktion des Eiweißes zum plötzlichen Herztod führt. Die Forscher suchen nach Wegen, wie sich die tödliche Fehlfunktion rechtzeitig erkennen lässt. Und sie wollen Ansatzpunkte für die Entwicklung neuer Medikamente erarbeiten, mit denen eine Behandlung von tödlichen Herzrthythmusstörungen möglich sein wird.

In dem EU Forschungsverbundprojekt „CONTICA“ arbeiten insgesamt acht Forschungsinstitutionen aus sechs europäischen Ländern zusammen. Die Koordination des Projekts hat Professor Dr. Burkert Pieske, Abteilung Kardiologie und Pneumologie des Bereichs Humanmedizin – Universität Göttingen. Die Administration des Projekts liegt in den Händen des Geschäftsbereichs Internationale Beziehungen / EU-Liaison Office for Life Sciences des Bereichs Humanmedizin der Universität Göttingen unter der Leitung von Christiane Hennecke. Die Europäische Union fördert das Projekt für drei Jahre von 2006 bis 2009 mit insgesamt 2,75 Millionen Euro. Das Projekt startet jetzt Ende Februar in Göttingen offiziell mit einem StartUpMeeting (vom 23. bis 25. Februar 2006).

Die Forschungen der „CONTICA“-Forscher berücksichtigen neue Erkenntnisse zum plötzlichen Herztod. Als Ursache für eine bestimmte Form von angeborenen Herzrhythmusstörungen konnte vor einigen Jahren erstmals eine Mutation (ein Gendefekt) in einem Ionenleitkanal des Herzmuskels identifiziert werden. Seither wurden weltweit eine Reihe weiterer Mutationen in diesem Kanalprotein, dem so genannten intrazellulären Kalzium-Freisetzungskanal, identifiziert. Alle Mutationen führen ebenfalls zu Kammerflimmern. Interessant ist, dass sich solche Veränderungen am Kalzium-Transport-Kanal im Herzmuskel – allerdings krankheitsbedingt erworben – ebenfalls bei Menschen mit einer Herzmuskelschwäche („Herzinssuffizienz“) finden. Dies konnte eine Göttinger Forschergruppe um Professor Dr. Burkert Pieske zeigen.

„Wir vermuten, dass die genau definierten Veränderungen durch Mutationen (Gendefekt) am Kalzium-Freisetzungskanal als Modell für die sehr viel häufiger vorkommenden Veränderungen bei Herzinsuffizienz dienen können“, sagt Professor Pieske. Deshalb werden die „CONTICA“-Forscher als erstes Tiermodelle entwickeln, die die menschliche Mutation tragen und vergleichbare Herzrhythmusstörungen entwickeln. Diese Modelle sollen helfen, die zellulären Mechanismen von Herzrhythmusstörungen mithilfe elektrophysiologischer, bildgebender und molekularbiologischer Untersuchungsmethoden genau zu analysieren. „Wir wollen dann die Mechanismen der angeborenen Herzrhythmusstörungen mit den Mechanismen der „erworbenen“ Herzrhythmusstörungen vergleichen“, sagt Professor Pieske.

EU Forschungsverbundprojekt CONTICA – (Control of Intracellular Calcium and Arrhythmias)

Partner im europäischen CONTICA-Projekt sind die Göttinger Arbeitsgruppe unter Leitung von Professor Dr. Burkert Pieske und die Universitäten von Utrecht, Niederlande (Prof. Marc Vos), Pavia, Italien (Prof. Silvia Priori), INSERM Montpellier, Frankreich (Prof. Richard Sylvain), Wales Heart Research Institute, Universität Wales, England (Prof. Tony Lai), Universität Bratislava, Slowakei (Prof. Alexandra Zahradnikova) sowie die Firmen Agrobiogen GmbH Biotechnologie, Deutschland (Prof. Gottfried Brem) und IMGM Laboratorien, Deutschland (Dr. Hans-Georg Klein).

Herzrhythmusstörungen – angeborene oder krankheitsbedingt erworbene

Herzrhythmusstörungen sind eine häufige Folge vieler Herzerkrankungen. Bestimmte Formen dieser Herzrhythmusstörungen (Kammerflimmern) sind tödlich, wenn nicht innerhalb von Minuten durch Elektroschockbehandlung (Defibrillation) wieder ein normaler Herzrhythmus hergestellt werden kann. Oft kann die Bedrohung durch Vorformen des Kammerflimmerns erkannt werden. Aber auch Kammerflimmern ohne Vorboten wird beobachtet. Der „plötzliche Herztod“ ist die Folge. Die beiden häufigsten Ursachen für Kammerflimmern sind der akute Herzinfarkt und die Herzmuskelschwäche (Herzinsuffizienz). Fast die Hälfte der Patienten mit akutem Herzinfarkt versterben an Kammerflimmern, ehe sie die Klinik erreichen. Von Herzmuskelschwäche betroffen sind in Deutschland derzeit etwa ein bis zwei Millionen Menschen. Die zellulären Mechanismen, die zu Kammerflimmern führen, sind nicht gut bekannt, und daher gibt es bis heute keine effektive medikamentöse Behandlung. Für Hochrisikopatienten steht als Behandlungsoption heute lediglich die Implantation eines Defibrillators zur Verfügung.

Ursache für den „plötzlichen Herztod“ bei diesen Herz-Erkrankungen ist die Fehlfunktion der Kalziumregulation in den Herzzellen, sie führt zu den tödlichen Herzrhythmusstörungen. Sie wird offenbar im Laufe einer Herzerkrankung „erworben“.

Dass es auch angeborene Formen von Herzrhythmusstörungen gibt, wurde erst vor einigen Jahren mithilfe von Familienuntersuchungen und molekulargenetischen Methoden erkannt. Der Gendefekt, der zur Kalzium-Fehlregulation in den Herzzellen führt, ist angeboren. Die meist jungen Patienten sind völlig ohne Symptome und normal leistungsfähig, bis sie plötzlich erstmalig eine Herzrhythmusstörung bekommen. Auslöser ist häufig eine körperliche Belastungssituation. Das erste Auftreten der Herzrhythmusstörungen endet oft dramatisch, da viele dieser jungen Menschen am „plötzlichen Herztod“ sterben.

Weitere Informationen:
Bereich Humanmedizin – Universität Göttingen
Prof. Dr. Burkert Pieske
Direktor der Abteilung Kardiologie und Pneumologie
Tel.: 0551 / 39-8925
Fax: 0551-/ 39-19127
e-mail: pieske@med.uni-goettingen.de

Bereich Humanmedizin – Universität Göttingen
Geschäftsbereich Internationale Beziehungen
Christiane Hennecke, M.A.
Director International Relations
EU Liaison Office for Life Sciences
Robert-Koch-Str.40
37075 Goettingen
Tel.:0551 / 39-8770
Fax: 0551 / 39-2593
e-mail: christiane.hennecke@med.uni-goettingen.de

Georg-August-Universität Göttingen – Bereich Humanmedizin
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit – Stefan Weller
Robert-Koch-Str. 42 – 37075 Göttingen
Tel.: 0551/39 – 99 59 – Fax: 0551/39 – 99 57
e-mail: presse.medizin@med.uni-goettingen.de

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