Qualitätsoffensive soll unnötige Operationen an der Gebärmutter verhindern und die Krebsfrüherkennung verbessern

Universitätsfrauenklinik Greifswald erhält als erstes Krankenhaus im Land Zertifizierung für Dysplasiesprechstunden

An der Universitätsfrauenklinik Greifswald werden ab sofort für Patientinnen zertifizierte Spezialsprechstunden zur Früherkennung und Therapie des Gebärmutterhalskrebses und seiner Vorstufen angeboten. Die Klinik erhielt als erste stationäre Gesundheitseinrichtung des Landes das neue Qualitätssiegel nach den Richtlinien der Europäischen Förderation für Zervixpathologie und Kolposkopie (EFC). Zwei weitere Praxen niedergelassener Frauenärzte in Stralsund bekamen ebenfalls dieses Zertifikat zugesprochen. Dahinter steht eine neue europäische Qualitätsoffensive bei der Behandlung und Untersuchung des weit verbreiteten Gebärmutterhalskrebses bei Frauen. Im Rahmen dieser Initiative sollen nicht nur die Früherkennung der heilbaren Krebsart verbessert, sondern vor allem unnötige Operationen an der Gebärmutter verhindert werden.

Von 100.000 Frauen erkranken in Deutschland jährlich etwa 12 an einem Krebs, der vom Gebärmutterhals ausgeht. In fast allen Fällen bestehen über Jahre bis Jahrzehnte gutartige Veränderungen, die nur zu einem geringen Prozentsatz in einen bösartigen Tumor übergehen. Die frauenärztliche Vorsorgeuntersuchung durch einen jährlichen Zellabstrich vom Muttermund stellt eines der wirksamsten Verfahren zur Verhinderung der Krebsentstehung dar. Frühzeitig können noch gutartigen Krebsvorstadien (Dysplasien) am Muttermund entdeckt und durch gezielte Therapie behandelt werden. Dadurch konnte in den letzten 30 Jahren das Auftreten von Gebärmutterhalskrebs um über 60 % gesenkt werden. Da jedoch nur die Hälfte der Frauen die Vorsorgeuntersuchung nutzt, treten auch heute noch in einer relativ hohen Zahl bösartige Erkrankungen am Muttermund oder anderen Teilen des unteren Genitaltraktes auf.

Neben der Entdeckung von Krebsvorstufen ist die qualifizierte Therapie ein weiteres Kriterium für die individuelle und sichere Behandlung. Bis zu 70 % der weiblichen Bevölkerung entwickeln im Laufe ihres Lebens eine leichte bis schwere Form der gutartigen Zellveränderungen am Muttermund. Diese Veränderungen verschwinden in über 90 % der Fälle jedoch innerhalb von einem bis vier Jahren von allein. Ein vorschneller Entscheid zur großzügigen Gewebsentnahme kann deshalb in bis zu 68 % der Fälle für die Frauen eine nutzlose Übertherapie darstellen.

Um eine optimale Diagnostik und Therapie bei der Krebsfrüherkennung am Gebärmutterhals zu ermöglichen, hat die Arbeitsgemeinschaft für Zervixpathologie und Kolposkopie (http://www.ag-cpc.de), eine Arbeitsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, in diesem Jahr erstmals die Zertifizierung von Dysplasiesprechstunden eingeführt.

An der Universitätsfrauenklinik Greifswald führt Dr. Hans Heyer (Foto) diese spezialisierte Sprechstunde für betroffene Frauen durch. Das personengebundene Zertifikat wird nach Absolvierung eines standardisierten Kurssystems, nachgewiesener regelmäßiger Fortbildung, erfolgreicher Absolvierung einer Kolposkopiediplomprüfung und Erfüllung vorgegebener Behandlungsfälle erteilt. Diese neuartigen und strengen Richtlinien sollen dazu beitragen, in der Zusammenarbeit mit niedergelassenen Frauenärzten eine verbesserte Diagnostik und Therapie von auffälligen Befunden am Muttermund zu erzielen. „Da zunehmend jüngere Frauen mit Kinderwunsch von gut- und bösartigen Zellveränderungen betroffen sind, ist die umfassende Qualitätssicherung das wichtigste Ziel dieser Zertifizierung. Trotzdem ist eine weit reichende Verhinderung des Gebärmutterhalskrebses nur gegeben, wenn alle Frauen ab dem 20. Lebensjahr jährlich an der Vorsorgenuntersuchung teilnehmen“, betonte der Greifswalder Gynäkologe.

Die sich auf dieser Seite vorstellenden Einrichtungen sind von der Arbeitsgemeinschaft für Zervixpathologie und Kolposkopie zur Zeit empfohlene Dysplasiesprechstunden und Dysplasiezentren, die sich mit der Diagnostik und/oder Behandlung von Erkrankungen des unteren weiblichen Genitale beschäftigen. Sie befinden sich im Prozess der Zertifizierung nach europäischem Standard (Richtlinien der Europäischen Förderation für Zervixpathologie und Kolposkopie – EFC).

Krebsvorsorgeuntersuchung der Frau

Krebserkrankungen am Gebärmutterhals (Muttermund), an der Scheidenschleimhaut und an der Haut der äußeren Scheiden-Dammregion entwickeln sich über Vorstufen in einem Zeitraum von bis zu 10 Jahren. Eine wesentliche Ursache der Krebserkrankung ist die Infektion mit Papillomviren (HPV). Die Vorstufen der Krebserkrankung sind mit geeigneten Methoden durch den Arzt zu erkennen und zu 100% heilbar. Der überwiegend mehrjährige Entwicklungsprozess des Karzinoms bietet durch regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen im Abstand von einem Jahr beste Voraussetzungen, das Vorstadium einer Krebserkrankung zu erkennen und vollständig zu heilen. Krebserkrankungen an den unteren Genitalorganen der Frau mit Todesfolge sind damit weitestgehend vermeidbar. Dennoch versterben auch gegenwärtig noch in Deutschland mehr als 2.000 zum Teil sehr junge Frauen jährlich an dieser Erkrankung.

Dem Arzt stehen grundsätzlich vier Möglichkeiten einer Diagnosesicherung zur Verfügung:

1. Die Untersuchung sollte mit einer Kolposkopie beginnen. Kolposkopie ist die Betrachtung der Haut und der Schleimhäute im einsehbaren Bereich der Genitalorgane mit bis zu 30facher optischer Vergrößerung. Bereits durch diese lupenoptische Betrachtung werden Veränderungen sichtbar, die von der Norm abweichen.

2. Von dieser Region und aus dem Gebärmutterhals werden getrennt mit einem Wattetupfer oder besonderen Abnahmeinstrumenten (Spatel, Zellbürste) Zellabstriche entnommen (Zytologie). Kolposkopie und Zytologie ermöglichen dem speziell ausgebildeten Arzt in mehr als 95% eine richtige Diagnosestellung.

3. In gleicher Weise entnommene Proben dienen dem Nachweis von humanen Papillomviren (HPV). Diese Untersuchung ist nur in ausgewählten Fällen notwendig. Oft werden krankhafte Veränderungen erst nach Betupfen der Schleimhaut mit Essigsäure oder Jod sichtbar.

4. Bei verdächtigen Befunden der Zytologie und/oder der Kolposkopie ist die Entnahme einer Gewebeprobe aus dem auffälligsten Areal der Haut- bzw. Schleimhautveränderung notwendig. Die daraus vorgenommene mikroskopische Untersuchung (Histologie) ergibt eine sichere Diagnose über den Schweregrad der Veränderung und ist die Voraussetzung für die Festlegung der endgültigen Therapie.

Die Krebsvorsorgeuntersuchung ist einschließlich einer notwendigen Gewebeprobenentnahme schmerzfrei und dauert für die Patientin nur wenige Minuten. Eine jährliche Krebsvorsorgeuntersuchung auf der Grundlage eines Zelltestes ist Bestandteil der Leistung aller Krankenkassen.

Ansprechpartner
Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde
und Geburtshilfe
Dr. med. Hans Heyer
Wollweberstraße 1, 17487 Greifswald
T +49 (0)3834/86 73 12
F +49 (0)3834/86 65 47
E heyer@uni-greifswald.de

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Constanze Steinke idw

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