"Ich möchte heute lieber nur mit Ihnen reden!"

„Forschungsoffensive“, Teil 8: Zeitbudgets statt Leistungskataloge für ambulante Pflegedienste von Wittener Pflegewissenschaftlern in München erfolgreich getestet


Wenn der Pflegedienst morgens kommt, steht der Ablauf zumeist schon fest: Zähneputzen, waschen, anziehen, Frühstück zubereiten. So sieht der Alltag für viele, die Leistungen aus der Pflegeversicherung erhalten, bisher aus. Denn die Pflegedienste arbeiten nach so genannten Leistungskatalogen, in denen beschrieben ist, was sie mit der Pflegekasse abrechnen dürfen und was nicht. „Reden mit dem Patienten, zuhören, einfach als soziale Kontaktperson da sein, das alles kommt in diesen Katalogen nicht vor „, bedauert Bernhard Holle, Pflegewissenschaftler an der Universität Witten/Herdecke. „Die Pflegedienste setzen diese Kataloge in enge Zeitvorgaben für ihre Mitarbeiter um, da bleibt kaum Spielraum zur individuellen Gestaltung von Pflegesituationen“. Der wäre aber für Alleinstehende, Demenzkranke und schwerstpflegebedürftige Menschen dringend nötig.

Um unter anderem diesen Spielraum für Kommunikation zu schaffen, haben Pflegewissenschaftler der Universität Witten/Herdecke jetzt in München ein anderes Finanzierungsmodell erfolgreich getestet: Der Pflegedienst wird anders als bei der gängigen Komplexvergütung quasi im Stundenlohn bezahlt und kann mit dem Pflegebedürftigen oder Angehörigen entscheiden, was nötig ist und in der zur Verfügung stehenden Zeit gemacht werden soll. Das kann dann eben auch mal das persönliche Gespräch sein, in dem man sich die Sorgen von der Seele redet. Diese Möglichkeit ist im Gesetz zwar vorgesehen, allerdings gibt es dafür keine angemessene Finanzierungsmöglichkeit und daher wird sie kaum genutzt. Bernhard Holle: „Das liegt daran, dass Pflegedienste neben ihrer sozialen und caritativen Aufgabe immer auch wirtschaftlich denken müssen. Das geht auf die bisherige Art am besten, ist aber für die Patienten und ihre Familien nicht immer die beste Lösung.“ Und wer soll für einen Menschen ohne Familie oder Nachbarn den Koffer packen, wenn der ins Krankenhaus muss? Wer erledigt Behördengänge und Bankgeschäfte? Wenn keiner da ist, könnte das auch der Pflegedienst machen, aber das kann er bisher nicht mit der Pflegekasse abrechnen.

Für Holle und sein Team ist aber auch klar, dass dieses, auch in anderen Forschungsprojekten zur Zeit erprobte und politisch diskutierte Modell einer Versorgung mit so genannten personengebundenen Budgets, Schulungen und Fortbildungen auf Seiten der Pflegekräfte voraussetzt: „Der professionell Pflegende muss dann entscheiden und aushandeln können, wie die notwendige und fachlich geplante Pflege mit den Wünschen des Patienten in Einklang gebracht werden kann. Hier bietet die neue Finanzierungsform die Möglichkeit einer situationsgerechteren Versorgung in vielen Pflegesituationen. Eine Umsetzung der Regelung über den Rahmen des Forschungsprojektes hinaus erscheint daher für bestimmte Pflegesituationen durchaus wünschenswert.“

Weitere Informationen bei Bernhard Holle, 02302/926-361, bholle@uni-wh.de

Media Contact

Dr. Olaf Kaltenborn idw

Weitere Informationen:

http://www.uni-wh.de

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