Verletzungen im Alter

Im Zuge der permanenten Forschritte in der medizinischen Versorgung wird die Lebenswartung in den nächsten Jahren weiter steigen. Gleichzeitig wird sich dadurch das zahlenmäßige Verhältnis zwischen älteren und jüngeren Menschen erheblich verschieben. Vor diesem Hintergrund werden gesundes Älterwerden und selbstständiges Leben künftig eine der zentralen Herausforderungen unserer Gesellschaft darstellen. Eine der Hauptursachen für Krankheit, Behinderung und Pflegebedürftigkeit im Alter sind Verletzungen, wie insbesondere Knochenbrüche. Mit der besonderen Problematik von Verletzungen im Alter beschäftigen sich rund 300 Mediziner unterschiedlicher Fachgebiete vom 8. bis 10. September 2005 bei einem Kongress an der Universität Münster. Lokaler Tagungsleiter ist Prof. Dr. Michael J. Raschke, Direktor der Klinik für Unfall, Hand- und Wiederherstellungschirurgie des Universitätsklinikums Münster (UKM) und derzeitiger Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Alterstraumatologie der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie.

Die häufigste Ursache für Knochenbrüche im Alter sind Stürze in Kombination mit Osteoporose. Spezielle Implantate erlauben hier mittlerweile sehr gute operative Behandlungsmöglichkeiten. Allerdings ist es mit der Operation allein meistens nicht getan. Denn die Menschen in höherem Lebensalter leiden neben ihrer Verletzung häufig auch unter anderen Erkrankungen. Daher wird künftig eine fachübergreifende medizinische Erstversorgung mit anschließender geriatrischer Rehabilitation zur vollständigen Wiedereingliederung einen immer größeren Stellenwert bekommen, wie Raschke betont. Dieser Tatsache trägt der Kongress in Münster Rechnung. Bewusst wurden dazu als Referenten nicht nur Unfallchirurgen, sondern auch Vertreter anderer Disziplinen, wie Orthopäden, Rehabilitationsmediziner und Geriater eingeladen, die sich aus ihrer Perspektive und Erfahrung heraus mit dem Thema Alterstrauma auseinandersetzen.

Denn diese Problematik wird künftig weiter an Bedeutung gewinnen. „Geriatrische Frakturen werden mehr und mehr an der Spitze des Krankenhausbettenbedarfs stehen, weit vor Herzinfarkt und Schlaganfall zusammen“, betont Prof. Raschke. Ziel der Veranstaltung in Münster ist es, neue interdisziplinäre Konzepte und Lösungsmodelle vorzustellen und im fachübergreifenden Dialog zu diskutieren. Dabei spielen nicht nur medizinische, sondern auch ökonomische Faktoren eine wichtige Rolle. Denn der steigende Kostendruck im Gesundheitswesen und die Neuordnung der Krankenhausfinanzierung, die zu einer Verkürzung der Liegezeiten geführt hat, machen ein Umdenken erforderlich. So stellt sich die Notwendigkeit, kostengünstigere Behandlungsverfahren zu entwickeln und den Patienten gleichzeitig noch frühzeitiger zu mobilisieren beziehungsweise in die Reha zu entlassen.

Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass gerade als Folge von Osteoporose erlittene Knochenbrüche, wie sie bei älteren Menschen sehr häufig sind, in der Regel komplexe Muster aufweisen und schwer zu behandeln sind, stellt diese Aufgabe keine geringe Herausforderung dar. Die moderne Unfallmedizin ist daher heute bestrebt, Osteoporose möglichst frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Gesundheitsökonomische Berechnungen des Statistischen Bundesamtes belegen, dass dadurch die Kosten für die Behandlung von Knochenbrüchen im Alter erheblich gesenkt werden können. Dies könnte von großer gesundheitsökonomischer Bedeutung sein, denn die Kosten für akute stationäre Alterstraumatologie drohen zu explodieren. Bereits 2002 beliefen sich die jährlichen Aufwendungen für Verletzungen von Patienten jenseits des 65. Lebensjahres auf 4,15 Milliarden Euro. Vorsichtige Berechnungen zeigen, dass bis zum Jahr 2030 eine Steigerung um 62,4 Prozent auf dann 6,74 Milliarden Euro zu erwarten ist. Für 2050 wurde sogar eine Steigerung um gut 87 (7,77 Milliarden Euro) gegenüber dem Jahr 2002 errechnet.

Die Entwicklung neuer Lösungsmodelle im Bereich der Alterstraumatologie ist aber nicht nur im Hinblick auf gesundheitsökonomische Aspekte von großer Bedeutung. Vielmehr geht es auch um eine Verbesserung der Situation betroffener Patienten. Denn die Situation beim Alterstrauma stellt sich derzeit noch dramatisch dar: Ein Viertel der Patienten mit Fraktur im Bereich des Hüftgelenks verstirbt innerhalb des ersten Jahres. Ein weiteres Viertel bleibt dauerhaft pflegebedürftig. Und jeder zweite Patient kann ohne Hilfe nicht mehr laufen beziehungsweise behält eine langfristige Behinderung zurück. Nur rund ein Drittel der Betroffenen sind nach einem Jahr sozial wieder voll eingegliedert.

Auf dem Programm des Kongresses im Schloss zu Münster stehen Übersichtsvorträge über den aktuellen Stand der Prophylaxe, der Therapie spezieller Frakturformen und der Rehabilitation. Zusätzliche Workshops ermöglichen einen Einblick in modernste Therapieverfahren bei Knochenbrüchen als Folge von Osteoporose. Darüber hinaus werden in einer Expertensitzung zum Thema „Was ist machbar – was ist finanzierbar?“ führende Vertreter aus Politik, Industrie sowie Krankenhaus- und Sozialökonomie über Lösungsansätze und Strategien vor dem Hintergrund begrenzter finanzieller Ressourcen diskutieren. Teilnehmer dieser Runde ist unter anderem der neue nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann. Profitieren wird von dem Kongress aber auch die Bevölkerung in und um Münster. Für sie steht am 10. September von 15 bis 17 Uhr ein Patientenseminar auf dem Programm, bei sie sich über Fragen rund um Verletzungen im Alter, Therapiekonzepte und vorbeugende Maßnahmen eingehend informieren können.

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Jutta Reising idw

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