Bewusstlosigkeit nach Kopfverletzung

Die Voraussage, ob ein bewusstloser, also komatöser Patient nach einer Kopfverletzung wieder aufwachen wird, ist in den ersten Tage nach dem Unfall auch mit den modernsten Mitteln der Intensivmedizin höchst unsicher. In der Fachzeitschrift Acta Neurochirurgica veröffentlichten vor kurzem Magdeburger Neurochirurgen und Radiologen Untersuchungsergebnisse, die genauere Aussagen zu bislang angenommenen Ursachen für eine Bewusstlosigkeit erlauben.

Nach feingeweblichen Hirnuntersuchungen an Verstorbenen nach Schädel-Hirn-Verletzungen sowie anhand von CT-Untersuchungen nach Schädel-Hirn-Verletzungen wurde bislang angenommen, dass diffuse, über das ganze Gehirn verteilte mikroskopische Verletzungen einzelner Nerven, also „diffuse axonale Schädigungen“, die Hauptursache für Koma und nachfolgenden Tod seien. Untersuchungen an der Magdeburger Universitätsklinik ergaben ein neues Verständnis, die diese allgemeine diffuse Hirnschädigung als Ursache für die Bewusstlosigkeit als eher unwahrscheinlich ausweist.

Kernspintomogramme von neurochirurgischen bewusstlosen Patienten, die unmittelbar nach einem Schädel-Hirn-Trauma durchgeführt wurden, zeigen nicht nur die Läsionen der später Verstorbenen, sondern stellen auch die überlebbaren Schädigungen dar. Dies erfolgt wesentlich genauer als das bisher mit dem üblichen Computertomogramm möglich war.

Wegen des großen technischen Aufwandes bei bewusstlosen Patienten konnten bis heute keine größeren Serien weltweit untersucht werden. Die Magdeburger Neurochirurgen unter der Leitung von Professor Raimund Firsching und die Radiologen unter der Leitung von Professor Wilfried Döhring konnten nun bei über einhundert bewusstlosen Patienten nach Schädel-Hirn-Trauma die Ergebnisse der Kernspintomographie in der international anerkannten Fachzeitschrift Acta Neurochirurgica (Bd. 143, S. 263-271, 2001) darstellen.

Zeigen sich im Kernspintomogramm nur Schädigungen der Großhirnhälften, so sind die Überlebensaussichten bei 87 Prozent überwiegend gut. Ist dagegen eine Verletzung des Hirnstammes im Kernspintomogramm erkennbar, so liegt die Sterblichkeit bei über 50 Prozent. Entscheidend für das Überleben ist, wo genau der Ort der Schädigung im Hirnstamm liegt. Die Untersuchungen zeigen auch, wo die Ursache für das Phänomen Bewusstlosigkeit, d.h. Koma, zu suchen ist. Da die Patienten ohne Hirnstammverletzungen rasch aus dem Koma aufwachen, bei ausgedehnten Hirnstammverletzungen jedoch nicht, scheint das menschliche Bewusstsein wesentlich durch die Unversehrtheit des Hirnstammes ermöglicht zu werden. Die bisher angenommene allgemeine diffuse Hirnschädigung als Ursache für die Bewusstlosigkeit wird damit eher unwahrscheinlich.

„Dies ist von fundamentaler Bedeutung für die Beurteilung bewusstloser Patienten überhaupt“, so Professor Raimund Firsching, Direktor der Klinik für Neurochirurgie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Eine Bewusstlosigkeit auch aus anderen Ursachen als einer Schädel-Hirn-Verletzung, zum Beispiel nach einem Herzstillstand, bei Herzinfarkt, bei toxisch erhöhten Blutzuckerspiegeln, nach Stoffwechselentgleisungen, bei Lebererkrankungen oder nach Medikamenteneinnahme deuten damit immer auf einen Funktionsausfall des Hirnstammes zu dem Zeitpunkt hin, an dem die Bewusstlosigkeit eintritt.

Die Ergebnisse dieser Studie wurden beim diesjährigen Deutschen Röntgenkongress in Wiesbaden mit einem Preis ausgezeichnet (Classification of Severe Head Injury Based on Magnetic Resonance Imaging).

Weitere Auskünfte erteilt gern:
Prof. Dr. med. Raimund Firsching, Direktor der Klinik für Neurochirurgie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Tel. 0391/67 15534, Fax 0391/67 15544,
E-Mail: neurochirurgie@uni-magdeburg.de

Media Contact

Kornelia Suske idw

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit

Dieser Fachbereich fasst die Vielzahl der medizinischen Fachrichtungen aus dem Bereich der Humanmedizin zusammen.

Unter anderem finden Sie hier Berichte aus den Teilbereichen: Anästhesiologie, Anatomie, Chirurgie, Humangenetik, Hygiene und Umweltmedizin, Innere Medizin, Neurologie, Pharmakologie, Physiologie, Urologie oder Zahnmedizin.

Zurück zur Startseite

Kommentare (0)

Schreiben Sie einen Kommentar

Neueste Beiträge

Neutronen-basierte Methode hilft, Unterwasserpipelines offen zu halten

Industrie und private Verbraucher sind auf Öl- und Gaspipelines angewiesen, die sich über Tausende von Kilometern unter Wasser erstrecken. Nicht selten verstopfen Ablagerungen diese Pipelines. Bisher gibt es nur wenige…

Dresdner Forscher:innen wollen PCR-Schnelltests für COVID-19 entwickeln

Noch in diesem Jahr einen PCR-Schnelltest für COVID-19 und andere Erreger zu entwickeln – das ist das Ziel einer neuen Nachwuchsforschungsgruppe an der TU Dresden. Der neuartige Test soll die…

Klimawandel und Waldbrände könnten Ozonloch vergrößern

Rauch aus Waldbränden könnte den Ozonabbau in den oberen Schichten der Atmosphäre verstärken und so das Ozonloch über der Arktis zusätzlich vergrößern. Das geht aus Daten der internationalen MOSAiC-Expedition hervor,…

Partner & Förderer