Neue Erklärung für verbreitete hormonelle Erkrankung bei Frauen?

Lübecker Studie zu polycystischen Ovarien und psychischen Störungen – Mögliche neurobiologische Wechselwirkungen

Möglicherweise hat eine der häufigsten hormonellen Erkrankungen jüngerer Frauen andere Ursachen als bisher angenommen. Lübecker Mediziner haben eine klinische Studie zum Polycystischen Ovar-Syndrom (PCOS) begonnen, die erstmals klären soll, ob ein Zusammenhang mit psychischen Störungen besteht.
Bei den polycystischen Ovarien kommt es zu einer doppelseitigen Vergrößerung der Eierstöcke auf das Zwei- bis Dreifache, bis etwa Hühnereigröße, durch zahlreiche etwa ein Zentimeter große Zysten. Die Störung, von der etwa 5 bis 7 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter betroffen sind, wird häufig durch Vermännlichungserscheinungen (Androgenisierung), Zyklusstörungen und Unfruchtbarkeit (Infertilität) erkannt.
Durch eine Überproduktion des männlichen Geschlechtshormons Testosteron kommt es zu übermäßiger Körperbehaarung und zu Bartwuchs, zu Akne und zur Glatzenbildung. Etwa 44 Prozent der Frauen mit PCOS sind übergewichtig, zwischen 15 und 20 Prozent erkranken noch vor den Wechseljahren an einer Typ-2-Diabetes. Auch Folgeerkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems wie Bluthochdruck und koronare Herzkrankheit sind erheblich häufiger als in der Allgemeinbevölkerung. Das Risiko für Gebärmutterkrebs ist vermutlich ebenfalls erhöht.
Das Polycystische Ovar-Syndrom wird vor allem hormonell und mit Blick auf eine Behebung der unmittelbaren Störungen behandelt. Eine ursächliche Therapie ist bislang nicht bekannt.
Auf die Möglichkeit eines durchgreifend neuen Ansatzes sind jetzt Wissenschaftler der Medizinischen Universität zu Lübeck aufmerksam geworden. Es gibt nämlich Hinweise darauf, dass PCOS-Patientinnen häufig auch an schweren Depressionen und an Essstörungen leiden. In der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie (Direktor Prof. Dr. med. Fritz Hohagen) und der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe (Direktor Prof. Dr. med. Klaus Diedrich) des Universitätsklinikums Lübeck wird dieser mögliche Zusammenhang erstmals systematisch untersucht. Leiter der Studie „Polycystisches Ovar-Syndrom und psychisches Befinden – Die Rolle von Metabolischem Syndrom und subjektiver Stressbelastung“ sind der Gynäkologe Prof. Dr. med. Olaf Ortmann und der Psychiater Priv.-Doz. Dr. med. Ulrich Schweiger.
Eine der Vermutungen ist, dass eine Störung des Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Systems (HPA-Systems), die beim PCOS zu beobachten ist, als ein neurobiologischer Risikofaktor die Entstehung depressiver Störungen bewirkt. Ebenso bestehen eventuell auch zwischen Essstörungen wie der Bulimia nervosa oder der Binge-Eating-Störung und dem PCOS verbindende hormonelle und Stoffwechselmechanismen.
Prof. Ortmann und Dr. Schweiger halten sowohl für möglich, dass Verhaltensveränderungen und psychische Störungen die Entstehung von PCOS begünstigen, als auch, dass PCOS über psychologische oder neuroendokrine Mechanismen zu psychischen Störungen führen kann. Sollten sich die Hypothesen bestätigen, so könnten Stressbewältigung, Lebensführung und Ernährung für eine erfolgreiche Therapie von grundlegender Bedeutung sein.
Die Lübecker Mediziner erwarten von den Untersuchungen zum einen wichtige klinisch-praktische Erkenntnisse, denn der Erfolg verhaltensbezogener Therapiemaßnahmen bei PCOS hängt entscheidend davon ab, ob eine psychische Störung vorliegt. Die Fragestellung ist zudem von erheblicher theoretischer Bedeutung, denn PCOS könnte ein äußerst aufschlussreiches Beispiel dafür sein, welche neurobiologischen Wechselwirkungen zwischen Stoffwechselstörungen und psychischen Funktionen bestehen.

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Rüdiger Labahn idw

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