Contergan – 40 Jahre danach

Die bedarfsgerechte gesundheitliche Versorgung Contergan-geschädigter Frauen in Deutschland weist deutliche Defizite auf. Dies geht aus einer Untersuchung der Arbeitsstelle Frauengesundheitsforschung der Universität Münster hervor. Mit dieser durch das Programm Innovative Medizinische Forschung (IMF) der Medizinischen Fakultät und durch das NRW-Forschungsministerium geförderten Studie liegen erstmals empirische Daten zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität Contergan-geschädigter Frauen in Deutschland vor.

Wie die auf einer Befragung betroffener Frauen und einer Vergleichsgruppe nichtbehinderter Frauen basierende Untersuchung unter der Leitung von Professorin Dr. Irmgard Nippert ergab, sind mit 94 Prozent fast alle befragten Contergan-geschädigten Frauen, deren Durchschnittsalter bei 38 Jahren liegt, regelmäßig auf praktische Hilfeleistungen oder Unterstützung durch Dritte angewiesen. 46 Prozent befanden sich zum Zeitpunkt der Befragung aufgrund behinderungsbedingter Probleme in medizinischer Behandlung. Ins Auge fällt, dass mit einem Anteil von 43 Prozent fast jede zweite betroffene Frau zunehmende Probleme äußert, kompetente Ärztinnen oder Ärzte zu finden, die in der Lage sind, conterganbedingte Probleme zu behandeln.

Etwa ebenso viele Frauen (41 Prozent) berichteten, dass sich ihr Gesundheitszustand aufgrund ihrer Behinderung in den letzten zwölf Monaten verschlechtert habe. Im Vordergrund standen dabei mit 83 Prozent chronisch degenerative Veränderungen des Stütz- und Halteapparates, etwa jede achte Frau führte auch Verschlechterungen der Augen und Ohren an. Wie die Studie ergab, blickt ein Großteil der Contergan-geschädigten Frauen mit Sorge in die Zukunft: Fast zwei Drittel der Befragten befürchten, dass sich ihr körperlicher Zustand in den nächsten zwei Jahren aufgrund der Behinderung verschlechtert. Dadurch wiederum erwarten die meisten Frauen mit Sorge weitreichende Auswirkungen auf ihr Leben, wie beispielsweise mehr Abhängigkeit von der Hilfe durch Dritte, weniger Möglichkeiten, den Alltag zu bewältigen, Einschränkungen in der beruflichen Leistungsfähigkeit, in den Freizeitaktivitäten und in der Mobiliät.

Wie die am Beispiel Contergan-geschädigter Frauen durchgeführte Untersuchung zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität von Frauen mit Behinderungen weiter zeigte, sind die Contergan-Geschädigten weniger häufig verheiratet (42 Prozent zu 79,8
Prozent), häufiger alleinstehend (41,3 zu 7,7 Prozent), häufiger kinderlos und verfügen über ein signifikant geringeres Nettoeinkommen als die nichtbehinderten Frauen.

Ingesamt wurden in der Bundesrepublik Deutschland als Folge der Einnahme des Schlaf- und Beruhigungsmittels „Contergan“ in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten in der Zeit zwischen 1956 und 1962 zirka 7000 Kinder mit schwersten körperlichen Behinderungen geboren. Etwa 4000 Kinder überlebten ihre schweren körperlichen und gesundheitlichen Schäden nicht. Weltweit wird die Zahl der Contergan-geschädigten Menschen auf etwa 8000 bis 10.000 geschätzt. In Deutschland leben nach Angaben Nipperts rund 2500 Betroffene, davon zirka 1280 Frauen. Die Behinderungen betreffen Arme, Beine, Augen und Ohren, aber auch innere Organe.


Für weitere Auskünfte stehen zur Verfügung:
Prof. Dr. Irmgard Nippert, Leiterin Frauengesundheitsforschung, nippert@uni-muenster.de, Tel. 0251/83 5 54 08, Fax 0251/83 5 84 15

Dipl.-Soz.Päd. Birgit Edler, Frauengesundheitsforschung, edler@uni-muenster.de, Tel. 0251/83 5 84 65, Fax 0251/83 5 84 15

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Jutta Reising idw

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