Neue OP-Methode hilft augenlos geborenen Kindern

Eine neue Operationsmethode kann Kindern, die ohne Augäpfel zur Welt kommen, zu einem natürlichen Aussehen und einer normalen Gesichtsentwicklung verhelfen.

Eines von 5000 Neugeborenen kommt in Deutschland mit nur einem Auge oder gar völlig augenlos zur Welt. Ursache dafür ist eine Entwicklungsstörung im Mutterleib: Den betroffenen Kindern fehlt ein Augapfel, bei vielen fehlen sogar beide Augäpfel. Die medizinische Bezeichnung für diese Fehlbildung lautet „Anophthalmie“. Die Kinder sind entsprechend auf einem Auge oder völlig blind. Hinzu kommt, dass die Fehlentwicklung des Auges Folgen für die gesamte Gesichtsregion hat. Die Lidspalte und die das Auge umgebenden Gesichtsknochen, die Augenhöhle, wachsen nicht. Die Folge: die Gesichtsregion um das Auge herum sieht eingefallen aus. Die Anophthalmie kann, muss aber nicht mit weiteren Fehlbildungen des Gesichtes einhergehen, etwa Spaltbildungen an Lippe und Gaumen.

Frühzeitige Therapie ist wichtig

„Weil die Knochen der Augenhöhle in den ersten vier Lebensjahren besonders rasant wachsen, ist es wichtig, rechtzeitig mit der chirurgischen Behandlung zu beginnen“, betont Professor Karsten Gundlach von der Klinik für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie der Universität Rostock. Mit vier Jahren ist das Wachstum von Auge und Augenhöhle zu 70 Prozent abgeschlossen. Gundlachs Patienten sind darum im Durchschnitt vier Monate alt. Der Rostocker Gesichtschirurg hat mit seinem Team bislang 21 Kinder mit fehlenden Augäpfeln operiert, bei neun davon fehlten beide Augen.

Anschwellende Expander

Das Neue an der Operationstechnik, deren Grundlagen an der Universitätsklinik Göttingen gelegt wurden, sind winzige Kunststoffexpander, die sich mit Flüssigkeit aus dem Gewebe vollsaugen und größer werden. Diese „osmotischen Expander“ auf der Basis von Methylmethacrylat und Vinylpyrrolidon schaffen Platz für ein künstliches Auge. Vor allem regen sie das Wachstum der knöchernen Augenhöhle an und sorgen so für ein weitestgehend normales Aussehen.

Die Expander sind zunächst klein und hart, saugen sich aber voll wie Schwämme und werden dann gallertartig weich, genau wie der fehlende Augapfel. Wir können chemisch steuern, wieviel Flüssigkeit diese Expander aufnehmen“, betont Gundlach. Sie können um das drei- bis dreissigfache anschwellen.“

In kleinen Schritten zum Ersatzauge

Bis das künstliche Auge Platz hat, muss das Wachstum der Augenhöhle Schritt für Schritt angeregt werden. Als erstes pflanzen die Gesichtschirurgen einen winzigen halbrunden osmotischen Expander in den Bindehautsack des Säuglings ein, um diesen zu erweitern. Das Kunststoffimplantat hat vor dem Einsetzen ein Volumen von nur 0.27 Milliliter. Es saugt die Tränenflüssigkeit auf und quillt bis zu einem Volumen von 0.9 Millilitern auf. Nach etwa zwei Monaten wird der Expander durch einen Glasball oder ein künstliches Auge ersetzt.

Nach weiteren drei bis vier Monaten setzen die Chirurgen einen größeren kugelförmigen Expander hinter dem Bindehautsack ein, um die Augenhöhle zu vergrößern. Gleichzeitig bekommt das Kind eine Augenprothese aus Glas. Wenn das neu aufgebaute Auge nicht weit genug hervortritt, tauschen die Ärzte den 2-Milliliter-Expander gegen einen 3-Milliliter Expander aus. Ist das Augenwachstum abgeschlossen – also mit etwa sieben Jahren – fassen die Kunststoffkugeln fünf Milliliter.

Das kosmetische Ergebnis überzeugt

„Die Ergebnisse sind überzeugend, wenn auch noch nicht überragend“, resümiert Gundlach die ersten Erfahrungen. Alle 21 Patienten nahmen das künstliche Auge gut an. Zwei Kinder tragen bereits die endgültige Größe des Expanders. Die Eltern sind sehr zufrieden mit dem kosmetischen Ergebnis.

Von insgesamt 88 gesetzten Expandern versagten allerdings 26, weil bei der Operation Probleme auftraten oder nicht die richtige Größe oder Form gewählt wurde. „Aber grundsätzlich sind die Expander erfolgreich“, freut sich der Rostocker Gesichtschirurg. „Die Augenhöhlen der Vierjährigen erreichen immerhin 70 Prozent der normalen Größe.“ Behandelt man die Anophthalmie nicht, wird die Augenhöhle noch nicht einmal halb so groß wie bei gesunden Kindern.

Rückfragen an:

Prof. Dr. Dr. Karsten Gundlach
Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft
für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichts-Chirurgie
Universität Rostock
Strempelstraße 13, 18057 Rostock
Tel.: 0381-494-6552, Fax: -6698
E-mail: Karsten.Gundlach@med.uni-rostock.de

Media Contact

Dipl. Biol. Barbara Ritzert idw

Weitere Informationen:

http://awmf.org

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