Neugeborenes mit kleinsten Instrumenten gerettet

Kinderchirurg der Uni Jena operiert Speiseröhrenfehlbildung minimal-invasiv

Manche Menschen sind Glückskinder, obwohl es zunächst ganz anders aussieht. Vor zwei Wochen ist Linda aus Schleiz geboren worden. Mit 2400 Gramm Geburtsgewicht wirkte sie gesund, von Erkrankungen, gar einer Fehlbildung war nichts bekannt. Unmittelbar nach der Geburt stellten die Ärzte in der Saale-Orla-Klinik aber fest, dass die Speiseröhre zum Teil fehlte und das untere Stück der Speiseröhre statt dessen in die Luftröhre mündete. Linda wurde sofort ins Klinikum der Friedrich-Schiller-Universität Jena gebracht, wo sie vom Direktor der Kinderchirurgie Prof. Dr. Felix Schier operiert wurde.

„Als wenn bei einem Schlauch in der Mitte ein Stück fehlt und ein Ende falsch verbunden ist“, verdeutlicht Schier die Speiseröhrenfehlbildung, medizinisch Ösophagusatresie genannt. „Diese ,Schlauchenden’ liegen allerdings im Brustkorb des Säuglings und die Speiseröhre hat nur einen Durchmesser von wenigen Millimetern“, weist der Kinderchirurg auf die Anforderungen an den Operateur hin.

„Der Eingriff wurde – sehr wahrscheinlich weltweit zum ersten Mal – mit 2-mm dünnen Instrumenten ausgeführt“, sagt Schier. Dieses Operationsbesteck hat er gemeinsam mit der Industrie für solche minimal-invasiven Eingriffe bei Neugeborenen und Kleinkindern entwickelt. Die Instrumente sind nicht dicker als eine Stricknadel und werden direkt in den Brustkorb eingeführt. Damit wurde bei Linda das untere Ende der Speiseröhre von der Luftröhre getrennt und mit dem oberen Ende der Speiseröhre verbunden. Dass seine Operationskunst erfolgreich war, konnte Schier heute (31.01.) vor den Medien darstellen. Das kleine Mädchen hat die Operation gut überstanden und nimmt seine Muttermilch seit zwei Tagen selber auf, freut sich auch Mutter Iris Engelhardt.

Bisher blieben von derartigen Eingriffen lebenslang ausgedehnte Narben zurück. Außerdem bildeten sich viele Jahre später bei diesen Kindern Wirbelsäulenverkrümmungen oder ein hochstehendes Schulterblatt, weist Schier auf Probleme mit den früheren Operationsverfahren hin. All dies hoffen die Kinderchirurgen, mit der neuen Technik später nicht mehr zu erleben. „Schon jetzt sind von der Operation praktisch keine Narben mehr zu sehen“, zeigte Schier. „Dem Kind wird in einigen Jahren niemand mehr glauben, dass es eine solche schwere Operation durchgemacht hat.“ Die Kinderchirurgen sind selber verwundert, wie viel besser Linda schlucken kann als die früher operierten Kinder. „Anscheinend ist die Methode auch für das Gewebe schonender als die bisher üblichen Techniken, bei denen der Brustkorb geöffnet werden musste“, weist der Jenaer Experte für minimal-invasive Eingriffe auf einen weiteren Vorteil.

Der Erfolg der Behandlung basiert für Schier auf mehreren weiteren Faktoren. „Wichtig war das schnelle Erkennen der Fehlbildung durch die Kollegen in der Saale-Orla-Klinik und ihr Entschluss, das Mädchen in die Jenaer Kinderchirurgie bringen zu lassen“, freut er sich über die gute Zusammenarbeit. Zudem sei die Operation auch eine bemerkenswerte Leistung der Jenaer Anästhesiologen gewesen, „denn minimal-invasive Eingriffe in der Brusthöhle sind bei einem kleinen, künstlich beatmeten Neugeborenen nicht einfach“, weiß Schier. Und dank der geringen Größe der Instrumente „konnte ich Linda sehr viel schonender und gefahrloser operieren“, unterstreicht der Direktor der Jenaer Kinderchirurgie. Der gute Zustand der kleinen Patientin, die in wenigen Tagen die Jenaer Kinderchirurgie verlassen kann, beweist den Erfolg von Schiers Bemühungen – und zeigt, dass sie doch Glück im Unglück hatte.

Kontakt:

Prof. Dr. Felix Schier
Klinik für Chirurgie der Universität Jena
Bachstr. 18, 07743 Jena
Tel.: 03641 – 933165, Fax: 03641 – 933446
E-Mail: felix.schier@med.uni-jena.de

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Monika Paschwitz idw

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