Frühgeburten: mehr Aufklärung nötig


Die Frühgeburt ist immer noch das größte Problem der Geburtshelfer. In den letzten 20 Jahren konnte die Häufigkeit nicht gesenkt werden. Zwei Drittel aller Kinder, die während oder kurz nach der Geburt sterben, kommen vor der 37. Schwangerschaftswoche auf die Welt. Wissenschaftler fahnden nach neuen biochemische Markern, doch die wissenschaftlichen Ergebnisse sind widersprüchlich. Darum müssen die Möglichkeiten zur Prävention besser ausgeschöpft werden, betonten Experten auf dem 54. Gynäkologenkongress in Düsseldorf.

Vielleicht sollte man sich als ungeborenes Kind vorsichtshalber eine französische Mutter aussuchen, hätte man die Wahl. Denn Frankreich ist es als einzigem industrialisierten Land gelungen, ein erfolgreiches Konzept der Geburtsmedizin konsequent umzusetzen und damit Tausenden Kindern das Leben zu retten. Seit das Konzept des Pariser Geburtshelfers Emile Papiernik in den achtziger Jahren national eingeführt wurde, sank die Frühgeburtenrate von 7,5 auf 3,8 Prozent. Die Strategie ist einfach: die Schwangeren werden ausführlich über Schwangerschaftsrisiken aufgeklärt, bei Risikoschwangerschaften stellt der Arzt gegebenenfalls eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung aus.

In Deutschland werden derartige präventive Maßnahmen nicht honoriert. Entsprechend liegt die Frühgeborenen-Rate bei ca. sieben Prozent. Die Sterblichkeit von Säuglingen während und kurz nach der Geburt ist zwar auf 0,5 Prozent gesunken, doch unter den „Frühchen“ sterben etwa zehnmal so viele Babys. Das sind für das Jahr 2000 in Deutschland etwa 2.800 von 770.055 geborenen Kindern. „Wirkliche Probleme machen uns vor allem die Kinder, die vor der 32. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen“, präzisiert Professor Dr. med. KTM Schneider, Leiter der Abteilung für Perinatalmedizin der Frauenklinik rechts der Isar der Technischen Universität München. Diese Kinder haben sehr oft neurologische Behinderungen. Sie machen nur ein Prozent aller Schwangerschaften, aber 40 Prozent aller Probleme aus.

Nach wie vor ist die Förderung der Lungenreife mittels Kortikosteroiden die effizienteste Methode, die Lungenunreife, und damit auch die Hirnblutungsrate zu reduzieren. „Allerdings“, räumt Professor Schneider ein, „sieht man mittlerweile von routinemäßigen Wiederholungsgaben ab. Wir empfehlen möglichst eine einmalige Gabe, wenn innerhalb der nächsten sieben bis elf Tage die Geburt zu erwarten ist.“

Infektionen vermeiden

In Deutschland konzentrieren sich vorbeugende Maßnahmen in erster Linie darauf, Infektionen zu vermeiden. Zwar spielen bei verfrühter Wehentätigkeit – darüber sind sich die Experten einig – mehrere Faktoren eine Rolle, doch über 50 Prozent der Frühgeburten gehen auf eine Infektion in Vagina oder Gebärmutter zurück. „Darum ist die bakteriologische Diagnostik zusätzlich zur Routineuntersuchung so wichtig“, erklärt Professor Arne Jensen von der Universitäts-Frauenklinik Bochum, Knappschaftskrankenhaus. Ein nachgewiesener Infekt kann erfolgreich mit Antibiotika behandelt werden. Zusätzlich bekommt die Schwangere wehenhemmende Medikamente.

Notbremse des Kindes

Die frühzeitige Wehentätigkeit kann aber auch eine „Notbremse“ des Kindes aufgrund einer bestehenden Unterversorgung sein. In einem solchen Notfall wäre die Hemmung der Wehen genau das Falsche. „Mittels Wehenaufzeichnung, Ultraschall und Dopplerflussmessung sehen wir, wie es dem Kind geht“, sagt Professor Dudenhausen, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin der Charité, Universitätsklinikum der Humboldt Universität zu Berlin. Kommt eine Schwangere mit vorzeitigen Wehen in die Klinik und reagiert die Herzfrequenz des Kindes nicht auf die Wehen, ist die Sauerstoffversorgung ausreichend. Sobald jedoch erste Signale auf eine Mangelversorgung hindeuten, muss das Kind so schnell wie möglich entbunden werden. Selbst in der 32. Schwangerschaftswoche ist ein Kaiserschnitt für ein unterversorgtes Kind besser als ein Hinauszögern der Geburt. „Die Stresshormone, die es ausschüttet, tragen zur Lungenreifung bei“, erläutert Professor Jensen. Gerade in solchen Fällen habe die Prävention von Hirnschädigungen die erste Priorität.

Welche Rolle das Immunsystem des ungeborenen Kindes bei der Frühgeburtlichkeit spielt, ist derzeit Gegenstand vielfältiger Untersuchungen. Wissenschaftler suchen nach Botenstoffen, die dem Arzt eine drohende Frühgeburt signalisieren können. Dazu gehören bestimmte Zytokine, beispielsweise Interleukin 1 beta, 6 und 8. Es konnten jedoch noch keine aussagekräftigen Grenzwerte gefunden werden.

Fibronektin-Test und Gebärmutterhalslänge

Umstritten ist auch der sogenannte Fibronektin-Test. Untersuchungen zeigten, dass der Fetus in Notsituationen dieses Protein vermehrt bildet. Wann der Test eingesetzt werden soll, ist indes umstritten. Britische Forscher berichteten im August dieses Jahres im British Medical Journal von einer Studie an Frauen mit vorzeitigen Wehen in der 31. Schwangerschaftswoche. War der Fibronektintest positiv, gaben sie den Frauen Steroide, um die Lungenreifung zu fördern und konnten so das kindliche Atemnotsyndrom verhindern. Von einem Einsatz als Routinetest raten die Experten indes ab.

„Die verlässlichste Methode ist immer noch die Messung des Gebärmutterhalses“, resümiert Professor Dudenhausen. Ist die Zervix über drei Zentimeter lang und der Fibronektintest nega-tiv, besteht ein geringes Risiko für eine Frühgeburt. Ergebnisse jüngster US-amerikanischer Studien unterstützen diesen Richtwert. Die Forscher fanden, dass eine Zervixlänge unter drei Zentimeter vor Ende der 16. Schwangerschaftswoche deutlich mit frühzeitiger Wehentätigkeit assoziiert ist. Unabhängig von der Ausgangslänge steigt dieses Risiko, je rascher sich der Gebärmutterhals verkürzt.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. med. Joachim W. Dudenhausen
Direktor der Klinik für Geburtsmedizin
Charité – Universitätsklinikum der
Humboldt-Universität zu Berlin
Campus Virchow-Klinikum
Augustenburger Platz 1
13353 Berlin
Tel.: 030-4505-64072
Fax: 030-4505-64901
E-Mail: joachim.dudenhausen@charite.de
und
Prof. Dr. med. Karl T.M. Schneider
Frauenklinik und Poliklinik der TU München
Leiter der Abt. f. Perinatalmedizin
Klinikum rechts der Isar
Ismaningerstraße 22
81675 München
Tel.: 089-4140-2430 o. 2431
Fax.: 089-4140-2447
E-Mail: KTM.Schneider@lrz.tum.de

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Dipl. Biol. Barbara Ritzert idw

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