Wie rot ist eigentlich Rot? Esslinger Wissenschaftler untersuchen die feinen Unterschiede von Farben

Ein Zitat von Karl Valentin bringt den Forschungsinhalt der beiden Esslinger Professoren Renate Hiesgen und Georg Meichsner und ihren Studierenden auf den Punkt: „Wie mecht denn der sehng, ob i rot sehng kann, wenn i doch a net siech, ob er rot sehng kann, – und wenn vielleicht i rot sehng kann, aber er net, und er meint i siechs’s net, weil er’s a net siecht, oder weil des, was er siecht gar net amol rot is?“

Übersetzt bedeutet dies: „Rot ist nicht gleich Rot – und das kann beispielsweise beim Zusammenbau von Autos, deren Einzelteile getrennt gefertigt und lackiert wurden, eine erhebliche Rolle spielen“, erklärt der Esslinger Professor für Physikalische Chemie und Werkstoffprüfung Lacke, Georg Meichsner. Er entwickelt zusammen mit der Physik-Professorin Renate Hiesgen Messverfahren für die Farben unterschiedlicher Materialien.

„Die Farbe zweier Lacke oder Lackierungen ist nie exakt gleich: Es handelt sich um technische Produkte und somit unterliegen ihre Farb-Messwerte immer einer natürlichen Schwankung, die sich nicht beseitigen lässt“, erläutert Georg Meichsner das Problem. Traditionell sei es die Aufgabe von so genannten Koloristen gewesen, die Farben per Augenmaß abzustimmen und darüber zu entscheiden, dass „das eine Rot gleich dem anderen Rot“ ist.

Je hochwertiger ein Produkt ist, umso wichtiger ist eine einheitliche Farbe dort, wo die Farbe gleich sein soll. Farbdifferenzen werden dann als Mangel empfunden. Bei Autos werden einzelne Teile der Karosserie heute oft in unterschiedlichen Werken gefertigt und eine Farbdifferenz zwischen Tankdeckel und umgebender Karosserie ist ein ins Auge stechender Mangel. Ein anderes Beispiel wäre, wenn ein Kunde im Supermarkt ein Markenprodukt kaufen möchte, dessen Farbe ein Erkennungsmerkmal ist (z. B. lila Schokolade). Wird dabei zwischen zwei Verpackungen im Regal ein Farbunterschied gesehen, so kann dies zur Verzögerung der Kaufentscheidung führen und im schlimmsten Fall entscheidet er sich für ein anderes Produkt.

Deswegen ist es das Anliegen der beiden Professoren und einer Gruppe von etwa 10 bis 15 Studierenden der Vorlesung „Farbmetrik mit Labor“ Farbe reproduzierbar und messbar zu machen. „Wir wollen damit Firmen Mess- und Auswertemethoden an die Hand geben, die es erlauben, die Qualität der Farbe zu kontrollieren“, erklärt Renate Hiesgen.

Professor Meichsner beschäftigt sich bereits seit 20 Jahren mit dem Thema – der Stoff geht ihm nie aus, da die exakte Farbbestimmung von vielen Faktoren, z.B. auch vom Material des Untergrundes abhängt, wie er sagt. „In einem aktuellen Projekt beschäftigen wir uns mit der Messung von Farbtönen auf Holz. Ein wegen seiner ausgeprägten Maserung besonders eindrucksvolles Beispiel ist Palisander, der beim Gitarrenbau eine wichtige Rolle spielt“, erläutert Meichsner. Bei Holz müsse man wegen der Maserung bis zu 50 Mal messen, um eine genaue Angabe zu bekommen. Auch die Möbelindustrie zeige an dem Messverfahren großes Interesse: So müssten etwa die Teile aus verschiedenen Chargen beim Zusammenbau zueinander passen.

Geräte zur Messung von Farben existieren nach Worten der beiden Esslinger Wissenschaftler bereits seit den 30er-Jahren. Die Notwendigkeit zu neueren, genaueren Geräten hat sich vor allem durch Vorgaben aus der Automobil- und Lackindustrie ergeben: „Dort sind heute Farbdifferenzen messbar, die fürs Auge nicht erkennbar sind.“ Deswegen wird Georg Meichsner und Renate Hiesgen die Arbeit noch lange nicht ausgehen.

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