Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Die mechanischen Eigenschaften der Eierstiele der Florfliege sind so beachtlich, dass Forscher sie für technische Fasern nachbilden möchten. Wikimedia Commons, Karthik R. Bhat

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen Fäden. Die sogenannten Eierstiele sind nur etwa 15 Mikrometer dick und halten das Gewicht der Eier problemlos. Um diese beeindruckende Faser herzustellen, sondert die Florfliege auf dem Blatt ein Proteinsekret ab. Das Ei wird anschließend in den Tropfen gelegt und senkrecht zur Oberfläche herausgezogen. Der entstehende Seidenfaden härtet dann an der Luft aus.

»Im Unterschied zu den meisten anderen Seidenarten weist der Eistiel der Florfliege eine spezielle Struktur mit faszinierenden mechanischen Eigenschaften auf: Die Florfliegenseide ist äußerst biegesteif und stabil. Diese Besonderheit möchten wir auf Fasern aus Florfliegenseide übertragen. Bisher war es jedoch nicht möglich, derartige Seidenproteine in ausreichender Menge und Reinheit herzustellen«, erklärt Martin Schmidt, Biotechnologe am Fraunhofer IAP in Potsdam-Golm.

In einem gemeinsamen Forschungsprojekt mit der Firma AMSilk GmbH arbeitet der Forscher daran, Florfliegen-Seidenproteine mit Hilfe von Bakterien in großen Mengen mittels eines biotechnologischen Prozesses herzustellen. Die molekularbiologischen Vorarbeiten führte das Team von Professor Dr. Thomas Scheibel vom Lehrstuhl Biomaterialien der Universität Bayreuth durch.

Sie konstruierten eine spezielle Gensequenz, welche Bakterien befähigt, das Seidenprotein herzustellen. Am Fraunhofer IAP optimiert Martin Schmidt nun das Herstellungsverfahren, so dass das Seidenprotein kostengünstig in industrierelevanten Mengen hergestellt werden kann. Erst dann wird die Materialentwicklung möglich.

Die Firma AMSilk unterstützt dieses Projekt mit molekularbiologischen Arbeiten, sowie mit ihrem umfangreichen Knowhow im Bereich der Seidenanalytik und -produktion. Das mittelständische Unternehmen aus Martinsried entwickelt seit Jahren erfolgreich seidenbasierte Biopolymere für verschiedenste Anwendungen. »Unsere Seidentechnologie ist mittlerweile etabliert und erste Produkte sind bereits am Markt verfügbar. Während die von uns verwendete Biosteel®-Faser nach dem Vorbild der Spinnenseide aber eher weich und flexibel ist, ist Florfliegenseide sehr biegesteif.

Diese spezielle Eigenschaft macht sie für die Medizintechnik, aber auch als Verstärkungsfaser für den Leichtbau, also beispielsweise für Autos, Flugzeuge oder Schiffe, interessant. Wir freuen uns, mit dem Fraunhofer IAP einen Partner gefunden zu haben, der dieses Projekt in allen Bereichen – von der Entwicklung des Seidenmaterials bis zur fertigen Faser – mit seiner Expertise unterstützen kann«, erklärt Dr. Lin Römer, wissenschaftlicher Geschäftsführer von AMSilk. Gefördert wird das Projekt durch die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe FNR, einem Projektträger des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft.

Sowohl die Entwicklung und Charakterisierung von Fasern und faserverstärkten Kompositen für den Leichtbau als auch die Entwicklung von biobasierten Polymeren sind bereits seit 25 Jahren ein Spezialgebiet des Fraunhofer IAP. Im institutseigenen Spinntechnikum können technische Fasern entweder aus einer Lösung oder aus einer Schmelze im industrienahen Maßstab hergestellt werden. »Die Kombination von Biotechnologie und Polymerforschung unter einem Dach bietet beste Voraussetzungen für die Herstellung von Fasern aus Florfliegenseide. Das ist ein enormer Vorteil, um innovative Anwendungsfelder zu erschließen«, so Schmidt.

Auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 können die Besucher der der nature.tec-Fachschau Bioökonomie in Halle 4.2 / Stand 212 die Entwicklungen aus den Bereichen Biotechnologie und Biopolymerforschung des Fraunhofer IAP besichtigen, darunter ein erstes Materialmuster aus Florfliegenseide.

Das Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP

Das Fraunhofer IAP in Potsdam-Golm ist spezialisiert auf Forschung und Entwicklung von Polymeranwendungen. Es unterstützt Unternehmen und Partner bei der maßgeschneiderten Entwicklung und Optimierung von innovativen und nachhaltigen Materialien, Prozesshilfsmitteln und Verfahren. Neben der umweltschonenden, wirtschaftlichen Herstellung und Verarbeitung von Polymeren im Labor- und Pilotanlagenmaßstab bietet das Institut auch die Charakterisierung von Polymeren an. Synthetische Polymere auf Erdölbasis stehen ebenso im Fokus der Arbeiten wie Biopolymere und biobasierte Polymere aus nachwachsenden Rohstoffen. Die Anwendungsfelder sind vielfältig: Sie reichen von Biotechnologie, Medizin, Pharmazie und Kosmetik über Elektronik und Optik bis hin zu Anwendungen in der Verpackungs-, Umwelt- und Abwassertechnik oder der Automobil-, Papier-, Bau- und Lackindustrie.

Leitung: Prof. Dr. Alexander Böker

www.iap.fraunhofer.de 

AMSilk GmbH

Die AMSilk GmbH mit Sitz in Planegg bei München ist der weltweit erste industrielle Hersteller synthetischer Seiden-Biopolymere. Die mit einem patentierten biotechnologischen Verfahren nachhaltig produzierten AMSilk-Hochleistungsbiopolymere besitzen die einzigartigen funktionalen Eigenschaften des natürlichen Vorbilds. Das organische Hochleistungsmaterial ist flexibel einsetzbar – sowohl als medizinischer oder technischer Werkstoff als auch als kosmetischer Inhaltsstoff. AMSilk-Hochleistungsbiopolymere verleihen herkömmlichen Produkten wertvolle Alleinstellungsmerkmale. Sie sind unter anderem biokompatibel, atmungsaktiv sowie besonders robust.
AMSilk-Hochleistungsbiopolymere werden in Form von Silkbeads (Mikropartikel), Silkgel (Hydrogel) oder als Biosteel® (Faser) vertrieben und gegenwärtig zur Beschichtung von Medizintechnikprodukten, in der Textilindustrie sowie als Inhaltsstoff für Körperpflegeprodukte eingesetzt.

www.amsilk.com

http://www.iap.fraunhofer.de/de/Pressemitteilungen/2017/Florfliegenseide.html

Media Contact

Dr. Sandra Mehlhase Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Materialwissenschaften

Die Materialwissenschaft bezeichnet eine Wissenschaft, die sich mit der Erforschung – d. h. der Entwicklung, der Herstellung und Verarbeitung – von Materialien und Werkstoffen beschäftigt. Biologische oder medizinische Facetten gewinnen in der modernen Ausrichtung zunehmend an Gewicht.

Der innovations report bietet Ihnen hierzu interessante Artikel über die Materialentwicklung und deren Anwendungen, sowie über die Struktur und Eigenschaften neuer Werkstoffe.

Zurück zur Startseite

Kommentare (0)

Schreib Kommentar

Neueste Beiträge

Überschüssiger Zucker dient Weißer Fliege zur Entgiftung von Pflanzenabwehrstoffen

Die Pflanzensaft saugende Weiße Fliege Bemisia tabaci kann den Verteidigungsmechanismus von Kreuzblütengewächsen bei Befall aktivieren. Die Weiße Fliege ist allerdings in der Lage, einen Großteil der Abwehrstoffe mithilfe von überschüssigem…

Heuschrecken navigieren mit doppeltem Kompass

Orientierungshilfe im Kopf: Wüstenheuschrecken tragen einen Kompass im Gehirn, der den gesamten Himmel in voller Rundumsicht repräsentiert. Die neuen Erkenntnisse ergeben sich aus Messungen der elektrischen Aktivität von Nervenzellen, über…

KI für Ingenieure beherrschbar machen

Karlsruher Kompetenzzentrum für KI-Engineering hilft Unternehmen praxisnah. Technologien der Künstlichen Intelligenz (KI) und des maschinellen Lernens (ML) kommen in Smartphones, Suchmaschinen oder Navigationsgeräten zum Einsatz und erleichtern Anwendern auf Basis…

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies. more information

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close