Biokunststoffe stehen für den Wandel – Nachwachsende Rohstoffe halten Einzug in die Kunststoffindustrie

Der Industrieverband für Biokunststoffe, IBAW, zeichnet mit Blick auf das vergangene Jahr ein positives Bild der Branche. Der europäisch ausgerichtete Verband hatte 2005 eine Rekordzahl an Mitgliederzugängen registriert. Bemerkenswert sei dabei, dass sich neben führenden Herstellern und Verarbeitern von Biokunststoffen nun auch große Markenartikler und Agrarrohstoffunternehmen engagierten. Für die zunehmende Bedeutung der Innovation sieht der Verband verschiedene Gründe. Die verbesserte Funktionalität der Werkstoffe und ein wachsender Markt steigern das Interesse. Darüber hinaus spielen das Risiko der Importabhängigkeit und die Kostensteigerungen bei fossilen Rohstoffen ebenso eine Rolle wie der Klimawandel, dessen negative Auswirkungen zunehmend sichtbar werden. Die Nutzung nachwachsender Rohstoffe wird deshalb in der Kunststoffindustrie mit immer mehr Nachdruck verfolgt.

Die Preiserhöhungen von 30-80% bei konventionellen Kunststoffen im Jahr 2005 motivieren viele Unternehmen, nach alternativen Produkten Ausschau zu halten. Einige Biokunststoffprodukte haben bereits heute die volle Wettbewerbsfähigkeit erreicht. Generell ist der Preisabstand agrarrohstoffbasierter Werkstoffe zu Standardkunststoffen erheblich geringer geworden; Zucker und Stärke waren 2005 preisgünstigere Rohstoffe als Erdöl. Langfristige Perspektiven leiten sich zudem aus zukünftig größeren Anlagen mit weiter verbesserter Wirtschaftlichkeit ab. Die Anzahl der Hersteller von Biokunststoffprodukten nimmt weltweit stark zu, der wachsende Wettbewerb dürfte die Entwicklung noch beschleunigen, so der Verband.

Das gestiegene Interesse des Marktes ist auch eine Folge der zahlreichen Fortschritte bei der Technologie- und Produktentwicklung. In ersten bedeutsamen Anwendungsbereichen von Biokunststoffen erreichen die Produkte heute das Niveau von erdölbasierten Standardkunststoffen. Im Mittelpunkt des Interesses stehen dabei Anwendungen im Verpackungsbereich, in der Landwirtschaft und Entsorgungswirtschaft. Große Hersteller von Mobilfunkgeräten, Computern und Unterhaltungselektronik meldeten 2005 ebenfalls Fortschritte bei der Nutzung von Biomaterialien. Intensiv verfolgt wird die Kombination von bereits kommerzialisierten Biowerkstoffen untereinander. Dadurch entstehen neue funktionelle Eigenschaften und spezifische Vorteile. Entwicklungsschwerpunkt sind außerdem Mehrschichtfolien mit modifizierten Eigenschaften. Damit ließen sich beispielsweise die Barriereeigenschaften von Packmitteln verbessern.

Der Verband weist auf die Notwendigkeit der Etablierung erneuerbarer Rohstoffquellen hin: Industrie und Gesellschaft sind hochgradig abhängig von fossilen Rohstoffen. Dies betrifft nicht nur die Energieversorgung, die heute im Mittelpunkt zahlreicher Diskussionen steht, sondern auch wichtige Produktbereiche wie den Kunststoffsektor. Der starke Anstieg des Rohölpreises und die durch politische Konflikte ausgelöste Unsicherheit bei der Rohstoffversorgung bringen erhebliche Risiken für die Kunststoffbranche mit sich. „Angesichts der bei Kunststoffen üblichen 20-30 Jahre langen Entwicklungszeiträume von der Erfindung bis zum breiteren Einsatz muss rechtzeitig nach Alternativen gesucht werden“, erläutert Harald Kaeb, IBAW Vorsitzender.

Für die Unternehmen bedeutet dies jedoch auch ein erhebliches Risiko, denn noch besetzen die Produkte lediglich Nischenmärkte. Experten schätzen das technische Nutzungspotenzial von Biokunststoffen auf ca. 10% des heutigen Kunststoffmarktes von 40 Millionen Tonnen in Europa. Um es auszuschöpfen sind Milliardeninvestitionen, vor allem für den Aufbau von größeren Produktionsanlagen, zu leisten. Die IBAW weist deshalb auf die hierfür notwendigen unterstützenden Rahmenbedingungen hin. Im Vergleich zur Förderung erneuerbarer Energien und von Biotreibstoffen sind diese für Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen kaum entwickelt. Ein erstes positives Beispiel einer Maßnahme zur Förderung der Technologie ist die seit Mai 2005 gültige Privilegierung von Bioverpackungen in der Deutschen Verpackungsverordnung. Der Verband fordert dazu auf, weitere Maßnahmen für eine breite Markteinführung zu entwickeln.

Die Biokunststoffindustrie stehe stellvertretend für einen Wandel, der in den nächsten Jahrzehnten weitere vom Erdöl abhängige Produktbereiche erfassen wird, so Kaeb. Nachwachsende Rohstoffe sind eine gute Lösung: sie wachsen auch in Ländern, welche über keine Erdölreserven verfügen, und sie schonen das Klima durch geringere Kohlenstoffdioxid-Emissionen. Mit umgerechnet 2-3 Tonnen Biokunststoffproduktion je Hektar Ackerland können Millionen Tonnen Kunststoffe in der Landwirtschaft erzeugt und Flächenstilllegungen in Europa vermieden werden. „Wir können auch anders“, davon ist Kaeb überzeugt, „was jetzt gebraucht wird, ist eine breitere Fahrrinne und noch mehr Schub, damit die Chancen der Biokunststofftechnologie schnellstmöglich nutzbar gemacht werden“.

Die IBAW ist ein internationaler Industrieverband zur Förderung der Innovation Biokunststoffe bzw. Biologisch Abbaubare Werkstoffe. Der Verband wird von Unternehmen der Agrarrohstoff-, Chemie- und Kunststoffindustrie, wissenschaftlichen Instituten und innovativen Anwendern getragen.

Media Contact

Harald Kaeb IBAW

Weitere Informationen:

http://www.ibaw.org

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