Wie intelligente Systeme die Arbeitswelt verändern

Marco Saggiomo, Yves-Simon Gloy und Alexander Weyers (von links) vom ITA der RWTH Aachen richten eine Webmaschine ein. Peter Winandy

In einer Halle des Instituts für Textiltechnik, kurz ITA genannt, rattern mehrere Webmaschinen. An ihnen werden viele technische Details und Vorgänge getestet, auch die Steuerungen. Dr.-Ing. Yves-Simon Gloy demonstriert an einer Maschine die bisher gängige Bedienung. Hier müssen erst vielfach Tasten gedrückt werden, um die gewünschten Parameter zu erhalten.

„Das geht einfacher und besser“, sagt Gloy und zeigt eine weitere Maschine mit zwei Studierenden an einem kleinen Bediener-Tablet. Das Menü besteht aus übersichtlichen und leicht verständlichen Symbolen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen nicht mehr selbst die Parameter für den Webprozess auswählen. Ein Assistenzsystem gibt die optimalen Einstellungen vor, die zum Material und der Maschine passen. Sie werden dann nur noch per Knopfdruck bestätigt.

In der Textilbranche führen intelligente Systeme und die zunehmende Automation zu Veränderungen für die Beschäftigten in vielen Bereichen. Unter der Projektleitung von Gloy untersucht eine Arbeitsgruppe das Zusammenspiel zwischen sozialen und technischen Innovationen.

Mit seinem Konzept war der Bereichsleiter am ITA und Adjunct-Professor der Clemson University in South Carolina in einem Förderwettbewerb des Bundesforschungsministeriums erfolgreich. Während der nächsten fünf Jahren wird der Aufbau einer Forschungsgruppe zum Thema „Soziotechnische Systeme in der Textilbranche“ mit 2,5 Millionen Euro gefördert.

Technik schließt Mensch nicht aus

Interdisziplinär und in Kooperation mit Industrie- und Forschungspartnern wird an Hand von Demonstratoren der Einsatz von vorhandenen Lösungen im Rahmen von Industrie 4.0 in die Textiltechnik überprüft. Ein Ziel ist, einer älter werdenden Belegschaft mehr Bedienungsfreundlichkeit zu ermöglichen.

Es gehe aber nicht nur um die Generation, die noch mit analogen Maschinensystemen groß geworden ist, sondern um alle Altersstufen, betont Jacqueline Lemm. Sie arbeitet als Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin in dem Projekt mit: „In der Textilmaschinenbranche ist das Durchschnittsalter der Belegschaften mit über 50 Jahren zwar deutlich höher als in anderen Branchen. Hinzu kommt aber ein hoher Anteil an Leiharbeitern und Migranten, die Sprachbarrieren überwinden müssen.“

An Arbeitsplätzen mit Assistenzsystemen können die individuellen Kompetenzen berücksichtigt und jeder in die Lage versetzt werden, sich in den komplexeren Arbeitsinhalten zurechtzufinden. Lemm kennt die Argumente der Kritiker: „Viele befürchten, dass die zunehmende Automatisierung von Produktionsprozessen Arbeitsplätze vernichtet. Wir wollen zeigen, dass Technik Menschen nicht ausschließt.“

Soziotechnische Systeme

Der Forschungsverbund will Produktionsverfahren als soziotechnische Systeme initiieren, bei denen der Mensch mit seinen Bedürfnissen und Kompetenzen im Mittelpunkt steht. Dazu gehören Barrierefreiheit und die Standortunabhängigkeit der Maschinen. Sinnvoll sind nach Ansicht der Aachener Forscher auch Details wie eine individuelle Anpassung von Schriftgrößen, Piktogramme oder die Einbindung von Fotos und Videos, die einzelne Arbeitsschritte erklären.

„Von den Textilmaschinenherstellern haben wir bereits viele positive Rückmeldungen erhalten“, berichtet Gloy. Das ist auch begründet im Wettbewerbsdruck der Branche, die international nur über Innovationen konkurrenzfähig bleibt. In Deutschland ist die Textilindustrie mit rund 65.000 Beschäftigten ein wichtiger Arbeitgeber. Deshalb werden die Aachener auch die Kontakte zur Industrie nutzen, um die Alltagstauglichkeit ihrer entwickelten Systeme zu testen.

Text: Helga Hermanns

Kontakt:
Dr.-Ing. Yves-Simon Gloy
Institut für Textiltechnik (ITA)
Telefon: +49 241 80 23470
E-Mail: Yves.Gloy@ita.rwth-aachen.de

http://www.ita.rwth-aachen.de

Ansprechpartner für Medien

Helga Hermanns idw - Informationsdienst Wissenschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Maschinenbau

Der Maschinenbau ist einer der führenden Industriezweige Deutschlands. Im Maschinenbau haben sich inzwischen eigenständige Studiengänge wie Produktion und Logistik, Verfahrenstechnik, Fahrzeugtechnik, Fertigungstechnik, Luft- und Raumfahrttechnik und andere etabliert.

Der innovations-report bietet Ihnen interessante Berichte und Artikel, unter anderem zu den Teilbereichen: Automatisierungstechnik, Bewegungstechnik, Antriebstechnik, Energietechnik, Fördertechnik, Kunststofftechnik, Leichtbau, Lagertechnik, Messtechnik, Werkzeugmaschinen, Regelungs- und Steuertechnik.

Zurück zur Startseite

Kommentare (0)

Schreib Kommentar

Neueste Beiträge

Diamanten brauchen Spannung

Diamanten faszinieren – nicht nur als Schmucksteine mit brillanten Farben, sondern auch wegen der extremen Härte des Materials. Wie genau diese besondere Variante des Kohlenstoffs tief in der Erde unter…

Die Entstehung erdähnlicher Planeten unter der Lupe

Innerhalb einer internationalen Zusammenarbeit haben Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Astronomie in Heidelberg ein neues Instrument namens MATISSE eingesetzt, das nun Hinweise auf einen Wirbel am inneren Rand einer planetenbildenden Scheibe…

Getreidelagerung: Naturstoffe wirksamer als chemische Insektizide

Senckenberg-Wissenschaftler Thomas Schmitt hat die Wirksamkeit von Kieselerde und einem parasitischen Pilz als Schutz vor Schadinsekten an Getreide im Vergleich zu einem chemischen Insektizid untersucht. Gemeinsam mit Kollegen aus Pakistan…

Partner & Förderer

Indem Sie die Website weiterhin nutzen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. mehr Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind so eingestellt, dass sie "Cookies zulassen", um Ihnen das bestmögliche Surferlebnis zu bieten. Wenn Sie diese Website weiterhin nutzen, ohne Ihre Cookie-Einstellungen zu ändern, oder wenn Sie unten auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

schließen