Europäische Union ist in den Medien: Elf-Länder-Studie zur Rolle der EU in den europäischen Medien

Das dreijährige Forschungsprojekt „Adequate Information Management in Europe“, kurz AIM, legte jetzt seine Endergebnisse vor: 46 Prozent der untersuchten Berichte über die EU in den europäischen Medien beschäftigten sich mit Wirtschaftsthemen, in Deutschland sogar knapp über 50 Prozent.

Wertethemen wie Soziales (4 Prozent), Kultur und Wissenschaft (5 Prozent) oder humanitäre Fragen (4 Prozent) machten hingegen nur einen Bruchteil der Gesamtberichterstattung aus. Selbst politische Themen reichten mit knapp 40 Prozent nicht an den Schwerpunkt Wirtschaft heran. „Die EU präsentiert sich gegenüber den Bürgern gerne als Wertegemeinschaft. Die Menschen nehmen sie aber in der Berichterstattung so nicht wahr. In den Medien ist die EU vor allem eine Institution mit ökonomischen Auswirkungen. Das Kommunikationschaos zwischen EU und Bürgern ist gewaltig“, sagt Professor Kopper.

Die Elf-Länderstudie umfasst eine dreiwöchigen Analyse der EU-Berichterstattung in europäischen Zeitungen und Fernsehnachrichten sowie Interviews mit mehr als 160 europäischen Journalisten in den Heimatredaktion sowie über 140 Korrespondenten in Brüssel.

„Auch die Mehrzahl der befragten Journalisten gab an, sie wähle vor allem Themen für die EU-Berichterstattung aus, die Auswirkungen auf die finanzielle Situation der Menschen haben“, erklärt Kopper. „Viele wichtige andere gesellschaftliche Themen sind auf EU-Ebene schwer greifbar und schwer vermittelbar. Alle Wertthemen benötigen mehr Platz und Programmraum; diese Art EU-Themen unterliegen dann in den redaktionellen Entscheidungen aktuellen nationalen Themen. Dies hat sich in allen untersuchten elf Mitgliedsländern bestätigt.“

Die dreiwöchigen Analysen des AIM-Projekts ergaben außerdem, dass Deutschland (15 Prozent)und Irland (15,2 Prozent) den vergleichsweise größten Anteil an EU-Berichterstattung aufweisen. An dritter Stelle liegt Litauen mit 13,7 Prozent der untersuchten Berichte. „In Großbritannien (2,9 Prozent) ist die gesamte EU-Berichterstattung hingegen eher marginal“, erklärt Kopper.

Obwohl der Nachrichtenplatz Brüssel mit die höchste Korrespondentendichte der Welt aufweist, entsteht die Mehrzahl aller EU-Berichte in den Heimatredaktionen. Knapp die Hälfte aller untersuchten Zeitungsartikel wurde in den jeweiligen EU-Mitgliedsstaaten vorbereitet und verfasst, nur jeder siebte stammt von einem EU-Korrespondenten. „Unsere Interviews haben ergeben, dass es in vielen Heimatredaktionen an ausreichend Personal und Wissen für eine nachhaltige EU-Berichterstattung fehlt. Auch dies ist Teil der Kommunikationslücke zwischen der EU und ihren Bürgern, “ meint Kopper.

Er rät Regionalzeitungen, die in Deutschland zusammengenommen die meisten Leser erreichen, EU-Sachverstand in den Heimatredaktionen systematisch aufzubauen. Denn die meisten regionalen und lokalen Medien können in Brüssel nur auf einen freien Mitarbeiter oder Pool-Korrespondenten zurückgreifen. Damit ergebe sich eine Situation wie häufig in der Berichterstattung aus fernen Ländern. So bedient beispielsweise einer der deutschen EU-Korrespondenten in Brüssel mehr als ein Dutzend regionale Zeitungen. „Das ist im heutigen Europa, das die Innenpolitik der Mitgliedsländer mitbestimmt, kaum mehr angemessen“, sagt Kopper. Vor allem sei damit ein Eingehen auf die individuellen Leserschaften oder gar eine Regionalisierung von EU-Nachrichten ausgeschlossen.

Das AIM-Projekt wurde im sechsten wissenschaftlichen Forschungsrahmenprogramm der EU als unabhängiges Vorhaben finanziert und vom Erich-Brost-Institut in Dortmund im Rahmen eines Netzwerks von weiteren zehn europäischen Universitätsinstituten koordiniert. Die Ergebnisse wurden in der Serie „Adequate Information Management in Europe (AIM) – Working Papers“ beim projekt verlag (www.projektverlag.de) veröffentlicht. Universitätsprofessor Dr. Gerd G. Kopper ist der wissenschaftliche Leiter des Gesamtprojekts.
Weitere Informationen und Fotos zum Projekt finden Sie auch unter www.aim-project.net. Unsere Experten stellen sich gern für ein Interview zur Verfügung oder verfassen einen Gastbeitrag in ihrem Medium.

Kontakt:

Julia Lönnendonker
Erich-Brost-Haus Wissenschaftszentrum für Journalismus in Europa
Centre for Advanced Study
Tel. +49-(0)231-755 6975 Sekretariat +49-(0)231-755 6971
Fax +49-(0)231-755 6955
julia.loennendonker@udo.edu

Media Contact

Ole Lünnemann idw

Weitere Informationen:

http://www.uni-dortmund.de/

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