Grand Prix d´Eurovision de la Chanson: Legenden und Fakten bei der Punktvergabe

Statistische Analyse von Psychologen der Justus-Liebig-Universität Gießen für die Jahre 1993 bis 2001

Alle Jahre wieder freuen sich Schlagerfreunde Europa-weit auf den „Grand Prix d´Eurovision de la Chanson“, der auch in diesem Jahr wieder Ende Mai in der estnischen Hauptstadt Tallinn stattfindet. Der „Grand Prix d´Eurovision de la Chanson“ ist ein Musikwettbewerb, an dem zahlreiche europäische Länder teilnehmen. Psychologen an der Justus-Liebig-Universität Gießen wollten kürzlich herausfinden, ob für den Erfolg der Teilnehmerinnen und Teilnehmer „nur“ die Bewertung ihres jeweiligen Liedes entscheidend ist oder ob dabei auch andere Faktoren eine Rolle spielen.

In jedem Jahr werden im Wettbewerb von den einzelnen Ländern unterschiedliche Lieder vorgestellt. Im Gegensatz hierzu bleiben andere Faktoren – wie Kultur, Politik oder geographische Lage – über die Jahre relativ konstant. Wenn für die Punktvergabe aber nicht die Bewertung der Lieder sondern letztgenannte Faktoren entscheidend wären, müssten sich über mehrere Jahre bestimmte Punktvergabemuster ergeben. (Zur Erinnerung: Die Ermittlung des Siegerbeitrages erfolgt durch ein Punktsystem. Jedes Land kann einem anderen Land entweder 12, 10, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2 oder einen Punkt geben. Nachdem alle Länder ihr Votum abgegeben haben, wird für jedes Land die Punktsumme bestimmt. Das Land mit der höchsten Punktsumme gewinnt.)

Die Punktmatrizen aus den Jahren 1993 bis 2001 wurden nun mit unterschiedlichen statistischen Verfahren untersucht. Eines hiervon war die sogenannte „Multidimensionale Skalierung“. Die Idee des Verfahrens lässt sich vereinfacht wie folgt darstellen: Wenn ein Land einem anderen maximale Punktzahl (12 Punkte) gibt, spricht dies für eine maximale Nähe zwischen beiden Ländern; wenn keine Punkte vergeben werden, für maximale Entfernung. Aufgrund dieser Angaben wurde versucht, die Landkarte Europas zu rekonstruieren. Wenn man beispielsweise eine Entfernungstabelle in Kilometern zwischen Städten aus einem Autoatlas in dieser Weise analysiert, erhält man auf diese Weise eine „Landkarte“ mit der ungefähren Position der Städte.

Die Ergebnisse der Untersuchung:
– Zwischen der „Grand-Prix“-Landkarte und der realen Landkarte Europas gibt es erhebliche Abweichungen.
– Eine systematische Bevorzugung gibt es nur innerhalb der Skandinavischen Länder (inklusive Estland), nicht aber beispielsweise zwischen der Türkei und Deutschland.

Unter psychologischen Gesichtspunkten ist es natürlich interessant zu fragen, warum trotzdem oft behauptet wird, dass beispielsweise Österreich Deutschland immer wenig Punkte gebe oder Deutschland der Türkei immer viele Punkte. Eine wahrscheinliche Erklärung: Einzelereignisse aus einigen Jahren bleiben der Grand Prix-Fangemeinde in Erinnerung. Deutschland hat beispielsweise nach 1992 in der Tat ein einziges Mal an ein Land 12 Punkte vergeben und von diesem auch 12 Punkte bekommen, nämlich der Türkei im Jahr 1999. Aufgrund einer derartig bemerkenswerten Punktevergabe kann man jedoch nicht allgemein auf das Abstimmungsverhalten bei zukünftigen Wettbewerben schließen.

Dies sollte nach Ansicht der Forscher bedacht werden, wenn in Kürze anlässlich des Wettbewerbs wieder eine Legendenbildung beginnt …Projektleiter war Dr. Günter Molz, die statistischen Analysen führte der Student Bastian Stippekohl durch, der auch in diesem Rahmen seine Semesterarbeit angefertigt hat.

Kontakt:

Dr. Günter Molz
Fachbereich Psychologie und Sportwissenschaft
Abt. Methodik
Otto-Behaghel-Str. 10F
35394 Gießen
Tel.: 0641/99-2 6122/99-26121
Fax: 0641/99-2 6139 
guenter.molz@psychol
.

Media Contact

Christel Lauterbach idw

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