500.000 Euro für die Interkulturalitätsforschung

VolkswagenStiftung fördert an den Universitäten Erfurt und Heidelberg zwei Untersuchungen zur Identitätsbildung in Indien und den USA

„Interkulturalität“ ist – wie ganz aktuell die Diskussionen um das Zuwanderungsgesetz deutlich machen – sowohl aus wissenschaftlicher Perspektive als auch unter praktischen, politischen und gesellschaftlichen Aspekten
ein zentrales Thema. Die VolkswagenStiftung fördert seit geraumer Zeit Vorhaben, die sich mit entsprechenden Fragestellungen auseinander setzen. Übergreifendes Ziel ist es, die Wissenschaft darin zu unterstützen, Prozesse der Identitätsbildung im interkulturellen Kontext zu untersuchen und damit auch zur Eröffnung neuer Perspektiven für politisch-gesellschaftliches Handeln beizutragen. Seit Beginn der 1990er Jahre hat die VolkswagenStiftung knapp 30 Millionen Euro für rund 170 Projekte in den beiden aufeinander folgenden Förderschwerpunkten zum „Fremden und Eigenen“ zur Verfügung gestellt. Jetzt wurden zwei weitere Forschungsvorhaben neu bewilligt.

Mit 292.600 Euro unterstützt wird das Projekt „Das Fremde im Eigenen: Interkultureller Austausch und kollektive Identitäten in den gesellschaftlichen Umbrüchen der 1960er und 1970er Jahre am Beispiel der USA und der Bundesrepublik Deutschland“ am Historischen Seminar der Universität Heidelberg. Dort beschäftigt sich Professor Dr. Detlef Junker mit den amerikanischen und deutschen Protestbewegungen der 1960er Jahre. Diese Bewegungen erscheinen im Rückblick als soziokulturelle Variante eines bereits begonnenen Globalisierungsprozesses, auf dessen wirtschaftlichen, technologischen und politischen Vormarsch sie reagierten. Erforscht werden sollen die Transferprozesse von Ideen, Lebensstilen und kulturellen Praktiken zwischen den USA und der Bundesrepublik Deutschland für die 1960er und 1970er Jahre.

Das Vorhaben gliedert sich in mehrere Fallstudien. In dem ersten Teilprojekt soll die deutsche Diskussion um das amerikanische Engagement in Vietnam untersucht werden. Dabei geht es aber nicht um den militärischen Krieg der Amerikaner in Vietnam, sondern um den „semiotischen Krieg“ der Deutschen um Vietnam als Chiffre bundesdeutscher Selbstverständigung – mithin um die Einverleibung des (fremden) amerikanischen Krieges in den (eigenen) deutschen Traditionszusammenhang zum Zwecke der Identitätsbildung.
In einer zweiten Fallstudie werden die Zwillingsorganisationen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes und der Students for a Democratic Society als Träger interkulturellen Austausches analysiert. Ein drittes Teilprojekt geht der Frage nach, inwieweit politische Utopien und Protestformen neue Konzepte von Öffentlichkeit und privater Lebenswelt hervorgebracht haben, und eine vierte Studie wird erstmals die Verflechtungen zwischen amerikanischer und deutscher Frauenbewegung systematisch aufarbeiten im Hinblick auf die Herausbildung eines feministischen Selbstverständnisses. Kooperationspartner auf US-amerikanischer Seite ist Professorin Belinda Davis von der Rutgers University, New Jersey.
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Kontakt: Universität Heidelberg, Professor Dr. Detlef Junker
Telefon: 0 62 21/54 24 77, Fax: 0 62 21/54 24 49
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Mit 218.000 Euro gefördert wird das Vorhaben „Muslime im Spannungsfeld pluraler Identitäten. Alt-Delhi im 19. Jahrhundert“. Alt-Delhi war bis zum 19. Jahrhundert eines der herausragenden muslimischen Zentren Nordindiens. Der politische Niedergang der Stadt ging einher mit einer kulturellen Blüte – insbesondere in der Literatur und der Theologie. Professor Dr. Jamal Malik vom Lehrstuhl für Islamwissenschaft der Philosophischen Fakultät der Universität Erfurt plant eine Untersuchung der Muslime Alt-Delhis, die im Untersuchungszeitraum (19. Jahrhundert) etwas mehr als die Hälfte der Einwohner jener Stadt stellten. Drei große Entwicklungen bilden den Hintergrund der Untersuchung: erstens der Kolonialismus, der nicht nur zu einer Kulturbegegnung ungeahnten Ausmaßes geführt hat, sondern auch durchgreifende wirtschaftliche und soziale Veränderungen bedeutete; zweitens die daraus resultierende zunehmende Ausdifferenzierung der Gesellschaft und drittens der Wandel der öffentlichen Sphäre durch die Herauslösung von Ansprachen und Versammlungen aus dem halb-privaten Raum der Stadtpaläste, Schulen und Moscheen und durch neue Kommunikationsmedien wie Zeitungen oder Pamphlete. Projektpartner ist Professor Imtiaz Ahmad von der Jahawar Lal Nehru University, New Delhi.
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Kontakt: Universität Erfurt, Professor Dr. Jamal Malik
Telefon: 03 61/7 37 41 00, Fax: 03 61/7 37 41 09
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HINWEIS:

Die VolkswagenStiftung veranstaltet vom 24. bis 26. April 2002 in Freiburg das erste wissenschaftliche Symposium zu den im Rahmen dieses Schwerpunkts – „Konstruktionen des ’Fremden’ und des ’Eigenen’: Prozesse interkultureller Abgrenzung, Vermittlung und Identitätsbildung“ – geförderten Vorhaben. Interessierte Journalistinnen und -journalisten sind herzlich eingeladen, nach vorheriger Anmeldung an der Veranstaltung teilzunehmen. Über den genauen Ablauf informieren wir Sie rechtzeitig; ab etwa Anfang April halten wir auch ein ausführliches Programm für Sie bereit. Bereits jetzt stehen wir für weitere Auskünfte zum Symposium gern zur Verfügung.
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Kontakt Symposium: Universität Freiburg, Professor Dr. Eva Kimminich, Telefon: 07 61/2 03 31 20
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Kontakt VolkswagenStiftung: Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Dr. Christian Jung, Telefon: 05 11/83 81 – 380, E-Mail: jung@volkswagenstiftung.de

Kontakt Förderinitiative „Fremdes und Eigenes“: VolkswagenStiftung, Antje Gunsenheimer, Telefon: 05 11/83 81 – 276, E-Mail: gunsenheimer@volkswagenstiftung.de

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