Disease-Management: Keine Hilfen für depressive Patienten?

München. Wissenschaftler des Großforschungsprojektes Kompetenznetz „Depression“ kritisieren die Empfehlung des Koordinierungsausschusses, beim geplanten Disease-Management-Konzept der Krankenkassen keine psychiatrischen Erkrankungen zu berücksichtigen.

Unter Disease-Management versteht man spezielle Programme der Krankenkassen zur Behandlung chronischer Erkrankungen. „Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt hatte angekündigt, dass chronisch Kranke auf eine verbesserte Behandlung nach anerkannten Standards hoffen können“, sagt Prof. Dr. Ulrich Hegerl von der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München, „wie es jetzt aussieht, werden die 4 Millionen depressiven Patienten hierbei nicht berücksichtigt.“ Die Entscheidung über die vier Krankheiten des Disease-Management-Konzepts fiel im Koordinierungsausschuss, einem neuen Organ der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, und geht als Empfehlung an das Gesundheitsministerium. Das Programm ist Teil des Strukturausgleichs der Krankenkassen. Unter den vier ausgewählten Krankheiten – Diabetes, chronische Atemwegserkrankungen, Brustkrebs und koronare Herzerkrankungen – findet sich keine psychiatrische Erkrankung.

Nicht Diabetes oder Herzinfarkt, sondern Depression ist die Volkskrankheit Nr. 1 in den Industrieländern. Zu diesem Ergebnis kam eine 1997 veröffentlichte Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Wie kaum eine andere Erkrankung beeinträchtigen Depressionen die Lebensqualität der betroffenen Patienten. Die WHO-Studie kritisierte auch diagnostische und therapeutische Defizite bei depressiven Störungen. „Nur 10 Prozent aller Betroffenen erhalten eine Therapie, die dem Stand der Forschung entspricht“, erklärt Prof. Ulrich Hegerl, Sprecher des Kompetenznetzes Depression, „ein Grund dafür ist das oft schlechte Krankheitsmanagement, das zu vielen unnötigen Rückfällen führt.“ Mit schwer wiegenden Folgen: Unbehandelte Depressionen sind ein Hauptgrund für die hohe Suizidrate in Deutschland (11.100 Tote im Jahr 2000), die deutlich über dem europäischen Durchschnitt liegt. Die Zahl der Suizidversuche wird auf ca. 100. 000 pro Jahr geschätzt.

„Wir halten es für gesundheitspolitisch sehr wichtig“, sagt Prof. Hegerl, „dass psychiatrische Erkrankungen zumindest zu einem späteren Zeitpunkt beim Disease-Management-Programm berücksichtigt werden, denn Fortbildungen und Information der Öffentlichkeit zum Thema Depression zeigen Wirkung.“ Im Rahmen einer Informations- und Aufklärungskampagne sank die Suizidrate in Nürnberg auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren. „Die Ergebnisse des Nürnberger Modellprojekts sind ermutigend“, so Prof. Hegerl, „wir brauchen aber auch bundesweit eine bessere Versorgung depressiver Patienten.“


Kompetenznetz „Depression“
Sprecher: Prof. Dr. med. Ulrich Hegerl, Psychiatrische Klinik der LMU München Nussbaumstraße 7, 80336 München

Presse: Maike Zander, Tel. 089/51 60 55 53, Fax 089/51 60 55 57,  maike.zander@psy.med.uni-muenchen.de

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