Die Erfindung des Homo Europaeus

Das Bundesbildungsministerium fördert ab Februar 2006 das interdisziplinäre Verbundprojekt „Imagined Europeans. Die wissenschaftliche Konstruktion des Homo Europaeus“. Acht Nachwuchsforscher der Universität Leipzig, der Humboldt-Universität und des Deutschen Museums München sind daran beteiligt.


Eine gemeinsame interdisziplinäre Projektinitiative der Humboldt-Universität, der Universität Leipzig und des Deutschen Museums hat den Förderzuschlag des Bundesbildungsministeriums erhalten. Das Projekt „Imagined Europeans. Die wissenschaftliche Konstruktion des Homo Europaeus“, koordiniert von Prof. Dr. Kiran Klaus Patel, wurde in der bundesweiten Ausschreibung „Geisteswissenschaften im gesellschaftlichen Dialog“ zur Förderung ausgewählt.

Das Projekt, das am 1. Februar 2006 seine Arbeit aufnimmt, widmet sich dem Bild des Europäers. Den hochtrabenden intellektuellen Debatten über das Bild Europas als einer Erfindung des Europäers will sich die Forschergruppe dabei nicht anschließen. Vielmehr steht nun die Erfindung des europäischen Menschen selbst im Mittelpunkt – die Vorstellung dessen, was das Europäische an einem Europäer bzw. einer Europäerin ausmacht. In vier Teilprojekten wird untersucht, welche Bilder und Konstruktionen des Europäers in den europäischen und außereuropäischen Vorstellungswelten kursieren.

Übergreifend fragen die einzelnen Teilprojekte, auf welche Weise alltäglich-praktische Abläufe beinahe nebenbei und unbeabsichtigt ein reproduzierbares Bild des Durchschnittseuropäers liefern. Besonders erfindungsreich ist hier der Technik- und Konsumbereich, zum Beispiel bei der Entwicklung von Autos und sonstigen Gebrauchsgegenständen für europäische Körpermaße. Ein anderer Untersuchungsstrang beschäftigt sich mit der Frage, wie der Europäer bislang in den Lebenswissenschaften als Lebewesen mit bestimmten physischen und geistigen Eigenschaften konstruiert wird. So ist er wiederzufinden in den Biowissenschaften des 20. Jahrhunderts mit ihrer Konstruktion einer „europäischen Rasse“. Oder er wird von Wissenschaftlern erfunden als ein Lebewesen, das eine besondere Ernährung benötigt, zu spezifischen Krankheiten neigt und nur bestimmte Medikamente verträgt. Das Leipziger Teilprojekt blickt von außen, aus dem Blickwinkel scheinbar „außereuropäischer“ Vorstellungswelten, auf den Europäer und analysiert Spuren des Homo Europaeus in den Verwaltungspraktiken internationaler Organisationen. Es ist zugleich Teil der Projektgruppe „Global History and Transnational Processes“.

An dem Projekt beteiligen sich die Disziplinen Geschichtswissenschaften, Ethnologie, Wissenschaftsgeschichte und Technikgeschichte. Die Teilprojekte werden von Kiran Patel und Stefan Beck (Humboldt-Universität), von Helmut Trischler (Deutsches Museum München) und von Matthias Middell (Zentrum für Höhere Studien der Universität Leipzig) geleitet. Die Projektteilnehmer werden gemeinsam interdisziplinäre Lehrveranstaltungen ausarbeiten und durchführen. Die Forschungsergebnisse werden in einer Ausstellung und auf einer internationalen Konferenz präsentiert.

Weitere Informationen:
PD Dr. Matthias Middell
Telefon: 0341 97-30230
E-Mail: middell@uni-leipzig.de

Ansprechpartner für Medien

Volker Schulte idw

Weitere Informationen:

http://www.uni-leipzig.de/~zhs

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