Psychologen: Innige Eltern-Beziehung hält bis ins Erwachsenenalter

Wenn Kinder erwachsen werden, bleiben sie im Ansehen ihrer Eltern dennoch: (ihre) Kinder. Dieses merkwürdige Verhältnis, das ein Leben lang anhält, haben Psychologen der Universität Jena jetzt näher untersucht und knapp 200 „erwachsene Kinder“ nebst ihren Eltern befragt. Ein Ergebnis: Die gefühlsmäßige Bindung der Kinder ist ebenso wie der rationale Wunsch, sich abzugrenzen, viel stärker als bislang in der Forschung angenommen. Aber auch im Erwachsenenalter ändert sich die Eltern-Kind-Beziehung noch mit zunehmendem Lebensalter: Die Distanz wird meistens größer.

„Es ist ganz entscheidend für eine funktionierende Beziehung, dass junge Erwachsene eine eigene Meinung entwickeln, auf eigenen Füßen stehen und sich von ihren Eltern abgrenzen – und dass diese das auch akzeptieren“, erläutert Dr. Heike Buhl. „Nur dann können Konflikte weitestgehend vermieden werden.“ Mischen sich etwa Eltern in die Partnerwahl oder die Erziehung der Enkel ein, ist der Streit schon programmiert.

Buhl: „Die Eltern meinen es ja bloß gut. Aber sie vergessen leicht, dass sie ihrerseits eine Intervention ihrer Eltern auch nicht akzeptiert hätten.“ Besonders die Mütter neigen – vielleicht aus übertriebener Fürsorge – dazu, sich intensiver einzumischen. Aber es gibt auch regelrechte Tabuthemen: Über Sexualität spricht man zwar mit Gleichaltrigen, aber nicht mit den Altvorderen.

Bei jungen Erwachsenen stellten die Psychologen noch ein viel engeres Verhältnis zu den Eltern fest als bei älteren. Befragt haben sie dazu zwei Gruppen: Studierende und Berufstätige zwischen 24 und 45 Jahren. Die berufliche und damit wirtschaftliche Selbstständigkeit und die Geburt eigener Kinder sind demnach zwei ganz wichtige Einschnitte im Leben wie auch im Verhältnis zu den Eltern: Sobald die „Kinder“ eine eigene, gesicherte berufliche und familiäre Existenz aufgebaut haben, sinkt die emotionale Bindung zu den Eltern; umgekehrt werden sie von diesen auch eher als gleichberechtigt akzeptiert.

Viele der jungen Erwachsenen bleiben noch länger von den Eltern finanziell abhängig, meist deshalb, weil ihnen wegen des Studiums ein geregeltes eigenes Einkommen noch fehlt. Überhaupt werden Kinder heute durchschnittlich später „flügge“ als in früheren Jahren. Aber auch die Gefühlsbindung bleibt in dieser Lebensspanne noch intensiver: Rund 80 Prozent der befragten Studierenden gaben etwa an, dass sie ihre Eltern im Bedarfsfall pflegen würden. Bei Berufstätigen ist dieser Prozentsatz – wohl auch aus ganz praktischen Überlegungen – deutlich geringer.

Ein schon in der Jugend brüchig gewordenes Vertrauensverhältnis – auch das ein Ergebnis der Jenaer Studie – lässt sich indes später nur schwer kitten. Wer rückblickend auf die Zeit der Pubertät über besonders viele Konflikte mit den Eltern berichtete, hat zu diesen auch im Erwachsenenalter ein deutlich distanzierteres Verhältnis. Eine strengere Erziehung in der Jugend, etwa durch den Vater, belastet noch nachträglich die individuelle Vertrauensbasis. Buhl: „So spiegeln sich die einstigen emotionalen und Machtverhältnisse in der Familie noch Jahrzehnte später in der Eltern-Kind-Beziehung wider.“

Möglicherweise existiert auch ein Ost-West-Unterschied. Nach bisherigem Stand der Untersuchung erscheinen die Familienbindungen im Osten der Republik intensiver als im Westen. „Das sind aber keine gesicherten Erkenntnisse, sondern nur erste Vermutungen, weil die Datenbasis dafür noch zu gering ist“, erläutert die Psychologin Buhl. Die Jenaer Studie wird deshalb fortgesetzt. Wer daran teilnehmen möchte, kann sich bei ihr unter der Telefonnummer 03641/945244 oder per E-Mail Heike.Maria.Buhl@rz.uni-jena.de melden.


Ansprechpartnerin:
Dr. Heike Buhl
Institut für Psychologie der Universität Jena
Tel.: 03641/945244
E-Mail: Heike.Maria.Buhl@rz.uni-jena.de


Friedrich-Schiller-Universität
Dr. Wolfgang Hirsch
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