Langeneufnach und die Theorie der Protoindustrialisierung

Regionalhistorische Arbeiten können mit den jeweiligen Phänomenen „vor Ort“ die Spezifika eines Raumes erklären; sie können aber auch mit einer empirischen Überprüfung allgemeiner Modelle die Diskussion weiterführen. Anke Sczesny hat in ihrer mit dem diesjährigen Förderpreis des Bezirkstags Schwaben ausgezeichneten Augsburger Dissertation „Zwischen Kontinuität und Wandel. Ländliches Gewerbe und ländliche Gesellschaft im mittleren Ostschwaben des 17. und 18. Jahrhunderts“ beides vereinigt: Sie analysiert erstmals grundlegend am Beispiel von Mittelschwaben die ländliche Komponente des schwäbischen Textilgewerbes und leistet damit zugleich einen wichtigen Beitrag zur internationalen Debatte über die „Protoindustrialisierung“ des 17. und 18. Jahrhunderts.

Sczesny untersucht zunächst Verbreitung und Ausmaß des ländlichen Weberhandwerks, vom Flachsanbau bis hin zur Zulieferung von Halbfabrikaten in die großen Städte Augsburg, Ulm und Memmingen: Entgegen der weitverbreiteten Vorstellung von einer rein agrarischen Welt herrschte in den Dörfern eine „Mischökonomie“ vor. Bei der Suche nach den Initiatoren und Trägern dieses Gewerbes deckt die Studie eine markante Verflechtung auf: städtisches Kapital der Kaufleute verband sich mit den Impulsen, die von den Territorialherren ausgingen, aber auch mit den Interessen der Weber selbst, die sich mit dem Zusammenschluss in ländlichen Zünften den Weg der Anerkennung sicherten. Der dritten Teil der Untersuchung gilt den sozialen Auswirkungen dieser Wirtschaftsweise: Die Autorin zeigt, wie diese Handwerker ihre Position in der gesellschaftlichen Rangordnung fanden und dass sie – entgegen einer Annahme der bisherigen Forschung – keineswegs nur als „ländliche Unterschicht“ fassbar sind.

Am Beispiel des westlich von Augsburg gelegenen Ortes Langeneufnach entfaltet Anke Sczesny schließlich eine dichte Mikroanalyse, die zeigt, wie die Menschen sich in Heiraten und Geburten langsam vom bäuerlichen Lebenszyklus lösten; wie die Erbgänge und die Partnerwahl, das Kreditwesen und die Haushaltsstrukturen eine eigene Mentalität erkennen lassen. Insgesamt entsteht dabei das Bild von „Kontinuität und Wandel“ im Gegensatz sowohl zum fundamentalen Bruch, wie die Theorie ihn wollte, als zugleich auch zum einfachen Ruhen in der Tradition, das die Romantisierung der Vormoderne vermitteln will.

Die städtische Seite der Gewerbelandschaft Schwaben ist in Augsburg längst bekannt: man denke nur an den vielzitierten Aufstieg der Fugger oder an die bedeutende Rolle der Kattunfabrikanten wie Heinrich Schüle. Dank der Studie von Anke Sczesny gewinnt jetzt aber auch die Basis deutliche Konturen, auf der diese Entwicklung aufbaute. Was diese Studie über das ländliche Handwerk im Rahmen der bäuerlichen Wirtschaft zu Tage fördert und was sie über die sogenannten „Gäuweber“, über ihre Zünfte und ihre „Stückhändler“ oder über die Dynamik des sozialen Auf- und Abstiegs im Dorf aufzuzeigen vermag, liefert zum richtigen Zeitpunkt wichtige Anregungen für das im Aufbau befindliche Augsburger Textilmuseum.

ZWISCHEN KONTINUITÄT UND WANDEL. LÄNDLICHES GEWERBE UND LÄNDLICHE GESELLSCHAFT IM MITTLEREN OSTSCHWABEN DES 17. UND 18. JAHRHUNDERTS – Dissertation von Dr. Anke Sczesny (Philosophische Fakultät II der Universität Augsburg; Betreuer: Prof. Dr. Rolf Kießling, Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte)

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Klaus P. Prem idw

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