Lesen und Schreiben in psychischen Krisen


Studie zu neuer psychotherapeutischer Methode an der Universität Münster

In psychischen Krisen schreiben sich viele Menschen ihre Ängste und Schmerzen von der Seele oder lesen Bücher, die ihnen Rat und Hoffnung geben. Viele psychisch Kranke greifen intuitiv zu dieser Form der Selbsthilfe. Bekannte Beispiele dafür sind Friedrich Hölderlin und Friedrich Nietzsche. In den USA sind Poesie- und Bibliotherapie anerkannte Psychotherapiemethoden, in Deutschland dagegen hat die heilende Wirkung von Lektüre und Schriftstellerei noch keine Beachtung in Wissenschaft und Praxis gefunden. Erstmalig beschäftigt sich eine Pilotstudie der Arbeitsstelle Randgruppenkultur/ – literatur am Institut für Deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik der Universität Münster mit der Bedeutung von Schreiben und Lesen in einer Lebenskrise.

Das Forschungsteam hatte sich im Frühjahr 1996 mit einer bundesweiten Ausschreibung an Menschen gewandt, die mit oder ohne psychotherapeutisch-psychiatrische Unterstützung eine schwere Krise bewältigt haben. Die unerwartet hohe Resonanz mit fast 5000 Texten von 800 zumeist weiblichen Autoren deutet auf ein Massenphänomen und auf den starken Wunsch, diese Selbsterfahrungen mitzuteilen. Das Spektrum der Formen und Gattungen reicht von kurzen Briefen über ausführliche Briefe, Gedichte, Erzählungen, Aufsätze, Tagebuchauszüge bis hin zu umfangreichen Autobiographien und Tagebüchern. Etliche der Texte sind entstanden, ohne durch die Reflexion gesteuert zu sein und drücken dadurch unmittelbar inneres Erleben aus. Einige Niederschriften haben durchaus literarische Qualität. Die Aufzeichnungen kreisen vor allem um körperliche Krankheiten, Trennungsschmerzen, psychische Krisensituationen, Isolation, Angst und Tod.

Diese Themen prägen auch den Lesestoff der Teilnehmer der Studie. Psychologische und medizinische Sachbücher und Ratgeber, aber auch Erfahrungsberichte, Trivialliteratur und Weltliteratur finden sich in den Bücherschränken. Dabei zeigt sich, dass in psychischen Grenzsituationen das Lesen vor allem als Konzentrationsübung oder als Ablenkung, aber auch als Hilfe dient.

Die Autoren der Studie, Prof. Dr. Helmut H. Koch und Nicola Kessler, setzen sich für die Anerkennung der Schreib- und Lesetherapie neben der Kunst-, Musik- und Tanztherapie und die Integration literaturtherapeutischer Inhalte in die Ausbildung beispielsweise von Lehrern, Erziehern oder Psychologen. Deshalb erarbeitet die Arbeitsstelle Randgruppenliteratur zusammen mit der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und dem Alexianerkrankenhaus in Münster praktische Therapiemöglichkeiten. Außerdem erheben die Wissenschaftler zurzeit in Fachkliniken und psychologischen Praxen Deutschlands empirische Daten zum Stand der Poesie- und Bibliotherapie. Eine weitere Erhebung soll das Leseverhalten von Krankenhauspatienten quantifizieren. Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe realisiert und vom Bundesforschungsministerium gefördert.

Weitere Auskünfte sind über die E-Mail-Adresse dokurg@uni-muenster.de zu erhalten.

Weitere Informationen finden Sie im WWW:

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Brigitte Nussbaum

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