Wenn die schrecklichen Bilder nicht mehr verschwinden wollen

Psychotherapie und spezielle Techniken helfen bei der Bewältigung des akuten Traumas

Wie Blitzlichter tauchen die entsetzlichen Eindrücke wieder auf; bereits ein Geruch lässt das Geschehene zurückkehren. Übererregbarkeit, Schlafstörungen und Gedächtnisprobleme, Depressionen und andere Beschwerden sind Ausdruck einer „psychotraumatischen Belastungsstörung (PTBS)“, die sich als Langzeitfolge eines akuten Traumas einstellen kann.

Psychotherapeutische Behandlung kann traumatisierten Menschen helfen, schlimme Erfahrungen zu verarbeiten, und damit langfristigen psychische Schäden vorbeugen. Bei einer Tagung am Universitätsklinikum Heidelberg haben Experten der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie darauf hingewiesen, dass es erfolgreiche Techniken der Verarbeitung gibt, die unmittelbar eingesetzt werden können. Doch mangelt es bei Großereignissen wie dem Zugunglück von Eschede oder dem Amoklauf in Erfurt an der Koordination, die alle Betroffenen umgehend einer qualifizierten Betreuung zuführt. Anders in den USA und Luxemburg: Dort wurden als Konsequenzen aus Katastrophenfällen sowohl für die Organisation als auch für die fachliche Betreuung zuständige Ansprechpersonen in einem Ministerium bestellt, die bei Bedarf aktiv werden. Die Psychotraumatologen forderten bei ihrer Tagung, dass auch Deutschland sich auf den Ernstfall vorbereitet und jedes Bundesland zuständige Personen benennt.

Traumatisierte Menschen müssen geschützt werden

„Nicht jeder traumatisierte Mensch entwickelt eine Langzeitstörung, aber jedem sollte professionelle Hilfe angeboten werden,“ erklärte Privatdozent Dr. Günter Seidler, Leiter des Forschungsschwerpunkts Psychotraumatologie und Leitender Oberarzt an der Psychosomatischen Universitätsklinik Heidelberg. Fast die Hälfte aller vergewaltigten Frauen leiden an einer PTBS, nach Gewaltverbrechen sind etwa 25 Prozent der Opfer betroffen, nach Unfällen 15 Prozent. „Entscheidend ist nicht nur die unmittelbare Behandlung, sondern auch der Schutz der traumatisierten Personen“, sagt Seidler. Denn in der sensiblen Phase nach dem akuten Trauma drohen „Nach-Traumatisierungen“, etwa durch erneuten Kontakt mit dem Täter, durch die Medien, Polizeibefragungen, Arbeitgeber oder Behörden, die sich der großen Verwundbarkeit des trau
matisierten Opfers mitunter nicht bewusst sind.

Die Therapie zielt darauf ab, die Informationsverarbeitung im Gehirn zu normalisieren. Denn vergleichbar dem abgestürzten Computer kann das Gehirn die Fülle der Informationen nicht mehr verarbeiten: Wichtige Verbindungen sind unterbrochen, Informationsfetzen kreisen im Gehirn, Sinneseindrücke werden nicht mehr miteinander verbunden, die Einbindung des Ereignisses in die Biographie geht verloren.

Doch gibt es Wege aus dem Chaos: Zusammen mit dem Psychotherapeuten werden nun Techniken erlernt, mit deren Hilfe der Betroffene sein eigenes Leben wieder in den Griff bekommt. Durch psychoimaginative Übungen werden Bilder hervorgerufen, die den Katastrophenbildern entgegenwirken. Auch die sogenannte EMDR-Methode (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) kann dem Patienten helfen, wie mehrere Studien belegt haben: Der Patient ruft sich das traumatische Ereignis vor Augen, seine Verarbeitung wird durch rhythmische Augenbewegungen gefördert. Dabei werden traumähnliche Prozesse in Gang gesetzt, und die unverbundenen Erinnerungsfetzen werden zu ganzheitlicher Erinnerung verschmolzen. Zurück bleibt das Wissen von einem schrecklichen Ereignis, aber die Bilder hören auf zu kreisen.

Leitlinie empfiehlt Konfrontation in geschützten therapeutischen Bedingungen

Die zuständigen psychotherapeutischen und psychosomatischen Fachgesellschaften in Deutschland haben eine Leitlinie für die Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen entwickelt. „Die Therapie der Wahl ist die Rekonfrontation mit dem auslösenden Trauma mit dem Ziel der Durcharbeitung und Integration unter geschützten therapeutischen Bedingungen“, heißt es dort. Traumabearbeitung sollte frühzeitig durch speziell qualifizierte Psychotherapeuten erfolgen. Nicht zu empfehlen ist eine Therapie, die sich allein auf Psychopharmaka stützt. Auch die Traumakonfrontation muss in einen abgestimmten Gesamtbehandlungsplan eingebettet sein.

Wenn die Verarbeitung des akuten Ereignisses gelungen ist, kann auch die Trauer einsetzen. „Trauer ist ein physiologischer Vorgang, der meist zur Rückkehr ins Leben führt“, erklärt Seidler. Doch bevor sie dieses Stadium erreichen, sind viele traumatisierte Menschen zunächst darauf angewiesen, dass ihnen professionelle Hilfe angeboten wird.

Ansprechpartner:
Priv.-Doz. Dr. med. Günter H. Seidler
Ltd. Oberarzt der Abteilung Psychosomatik der
Psychosomatischen Universitätsklinik Heidelberg
Thibautstraße 2
69115 Heidelberg
Tel.: 06221/565801
E-Mail: Guenter_Seidler@med.uni-heidelberg.de

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Dr. Annette Tuffs idw

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