Intraoperative Chemotherapie: Deutsche Krebshilfe fördert Peritonealkarzinose-Schwerpunkt am Tübinger Uniklinikum

Krebszellen können sich vom Tumor lösen und im Körper ausbreiten. Als Metastasen machen sie eine bösartige Geschwulst zur lebensbedrohlichen Gefahr. Gelangen die Zellen in die Bauchhöhle, wird es besonders gefährlich. Denn zum einen können sich die bösartigen Zellen dort relativ lange vermehren, ohne Beschwerden auszulösen.

Zum anderen ist die klassische Chemotherapie hier nur begrenzt wirksam. Die Deutsche Krebshilfe unterstützt am Universitätsklinikum Tübingen mit 20.000 Euro den Aufbau eines Netzwerks, um ein noch relativ junges Therapiekonzept zu etablieren: die intraoperative Chemotherapie. Bei diesem Verfahren wird eine aufwändige Operation mit einer lokalen Chemotherapie kombiniert, wobei die zellzerstörenden Medikamente während der Operation direkt in den Bauchraum gespült werden.

Bei zehn bis zwanzig Prozent aller Patienten mit einem Tumor der inneren Organe haben die Krebszellen bereits bei der Erstdiagnose in den Bauchraum und das die Bauchhöhle auskleidende Bauchfell – das Peritoneum – gestreut. Diese so genannte Peritonealkarzinose tritt insbesondere bei Tumoren des Magens, des Darms und der Eierstöcke auf. Die Heilungsaussichten sind dann meist sehr schlecht, denn die Chemotherapie ist häufig nicht ausreichend wirksam.

Der Grund: Die Medikamente werden in das Blutgefäßsystem verabreicht und gelangen so hauptsächlich in gut durchblutete Organe. In der Bauchhöhle hingegen ist die Konzentration der Chemotherapie zu gering. „Die Peritonealkarzinose ist ein noch weitgehend ungelöstes Problem in der Onkologie“, erklärt Professor Dr. Jörg Thomas Hartmann, Oberarzt und Projektleiter an der Medizinischen Klinik II der Universität Tübingen (Ärztlicher Direktor Prof. Lothar Kanz).

Seit vier Jahren wird am Südwestdeutschen Tumorzentrum Tübingen die intraoperative Chemotherapie zur Behandlung von Metastasen im Bauchraum eingesetzt. Bei diesem Verfahren werden die Medikamente unmittelbar nach der operativen Entfernung des Tumors in einer 41-42 Grad Celsius warmen Flüssigkeit direkt in die Bauchhöhle gespült. Durch die Erwärmung (Hyperthermie) erhöht sich die Wirksamkeit der Zytostatika. „Mit diesem Verfahren können die Heilungschancen bei einer Reihe von Erkrankungen deutlich verbessert und die Lebensqualität der Betroffenen erhöht werden“, so Hartmann.

Das interdisziplinäre Verfahren ist technisch und personell jedoch sehr aufwändig und erfordert die Zusammenarbeit verschiedener medizinischer Fachgebiete. Grundlage ist die zeitaufwendige und technisch anspruchvolle Entfernung des Peritoneums und die Multiviszeralresektion: „Eine Operation, die nicht selten bis zu 10 Stunden in Anspruch nimmt“, erklärt Professor Dr. Alfred Königsrainer, Ärztlicher Direktor der Abdominalchirurgie und Sprecher des Peritonealkarzinose-Schwerpunktes. Daher wird es bislang nur an wenigen spezialisierten Kliniken in Deutschland eingesetzt. Neben Tübingen sind dies u.a. Regensburg, Berlin, und Hannover. „Am Südwestdeutschen Tumorzentrum Tübingen sind die Voraussetzungen für eine enge und kooperative Behandlung von Patienten mit Beteiligung aller erforderlicher Fachdisziplinen gegeben“, so Priv-Doz. Dr. Björn Brücher, verantwortlich als Oberarzt für die Onkologische Chirurgie der Abdominalchirurgie. „Mit Hilfe der Förderung durch die Deutsche Krebshilfe soll das Verfahren jetzt weiter optimiert und etabliert werden“, erklärt Gerd Nettekoven, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krebshilfe. Eine wesentliche Aufgabe ist es dabei, die Diagnostik und Therapie der Betroffenen zu standardisieren und ein bundesweit einheitliches Therapiekonzept zu entwickeln.

Ansprechpartner für nähere Informationen

Universitätsklinikum Tübingen

Klinik für Allgemeine, Viszeral- und Transplantationschirurgie
Prof. Dr. med. Alfred Königsrainer, Ärztlicher Direktor (Foto anbei)
Tel. 07071/29-8 66 20, Fax 07071/29-55 88
Medizinische Klinik, Internistische Onkologie, Innere Medizin II
Prof. Dr. med. Jörg Thomas Hartmann (Foto anbei)
Tel. 0 70 71/29-8 21 27, Fax 0 70 71/29-56 89
Joerg.Hartmann@med.uni-tuebingen.de

Media Contact

Dr. Ellen Katz idw

Weitere Informationen:

http://www.medizin.uni-tuebingen.de/

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