Gefahr erkannt, Gefahr noch nicht gebannt

Unwetter und Kältewellen, wie aktuell in Südeuropa, aber vor allem drastische Natur- und Technikkatastrophen sorgen jedes Jahr für hohe Schadenssummen und menschliche Tragödien. Die Dringlichkeit eines umfassenden Bevölkerungsschutzes ist offensichtlich.

Dabei ist die zuverlässige Vorhersage von Gefahrensituationen nur eine Seite der Medaille, denn oft kommen die Warnungen nicht rechtzeitig bei den Betroffenen an oder werden zu spät wahrgenommen. Forscher des Fraunhofer-Instituts für Software- und Systemtechnik ISST arbeiten daher an einer neuen Generation von Warnsystemen, sogenannten „Multi-Hazzard- / Multi-Channel-Frühwarnsystemen“. Sie sollen Menschen nicht nur frühzeitig und mit genauen Gefahrenprognosen warnen, sondern auch deren persönliche Gefahrensituation berücksichtigen.

„Vorhersagen schaffen nur dann Schutz, wenn sie die Empfänger auch erreichen. Doch je nach Situation ist die Erreichbarkeit ganz unterschiedlich – zum Beispiel zu Hause oder auf dem Weg zur Arbeit“, erklärt Ulrich Meissen vom Fraunhofer ISST in Berlin. Eigenständige Warnsysteme für jeden Katastrophenfall und für jede Situation, in der sich Betroffene befinden, sind angesichts leerer Staatskassen nicht finanzierbar und könnten sogar negative Auswirkungen haben, wenn sie sich gegenseitig widersprechen. Ein erfolgversprechender Weg ist es jedoch, vorhandene Warnsysteme sukzessive zu erweitern und vorhandene Funktionen zu kombinieren.

Diese „Multi-Hazzard- / Multi-Channel-Frühwarnsysteme“ bieten den Vorteil, dass die Weiterentwicklung mit jedem Schritt kalkulierbar bleibt und die Systeme immer wieder an die aktuellen Anforderungen angepasst werden können. So können Bürger zum Beispiel im Internet „Profile“ anlegen, ob jemand ein Handy besitzt oder viel Zeit zu Hause am Computer verbringt. Das System kann auf diese Weise entscheiden, ob Warnungen über Alarmsirenen, per SMS, E-Mail oder auf anderem Weg übermittelt werden sollen. Auch ist es möglich, neben den bestehenden Informationswegen weitere Angebote zu erarbeiten und zum Beispiel Hinweise im Fernsehprogramm einzublenden oder bei Sturm Fenster und Garagentüren automatisch zu schließen. Angesichts des demografischen Wandels und der sich ändernden Lebensgewohnheiten in der Gesellschaft werden individuelle Optionen in Zukunft immer wichtiger.

Die Voraussetzung für den baldigen Einsatz solcher Warnsysteme ist allerdings, dass ein Mindestmaß an technischer Ausstattung bei den Nutzern vorhanden ist und die Betreiber der Dienste auf technische Infrastrukturen zur Verarbeitung und Übermittlung der Daten zugreifen können. In Deutschland und anderen hoch entwickelten Ländern ist das grundsätzlich kein Problem. Aber gerade strukturschwache Länder, die ohnehin oft besonders hart von Natur- und Technikkatastrophen betroffen sind, müssten erst einmal die Grundlagen schaffen. Auf Basis einer funktionierenden technischen Infrastruktur ist der Aufwand aber überschaubar, da vor allem Standardtechnik eingesetzt wird. Meissen: „Unser Ziel ist es ja gerade, vielen Bürgern Zugang zu den Warnungen zu ermöglichen.“

Das Fraunhofer ISST:
Das Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST – mit Institutsteilen in Berlin und Dortmund – entwickelt Standards, Architekturen und Konzepte für den Aufbau langfristig stabiler komplexer IT-Systeme sowie Lösungen für die bedarfsgerechte Informationsbereitstellung zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Im Geschäftsfeld „Ambient Assisted Living“ (AAL) beschäftigt sich das Institut aus informationstechnischer Sicht mit den gesellschaftlichen Auswirkungen der demografischen Entwicklung, des Klimawandels und neuer Lebensgewohnheiten der Menschen.

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Niklas Reinhardt Fraunhofer Gesellschaft

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