Toleranz lässt sich trainieren

Franzosen treffen auf Algerier, US-Amerikaner spielen mit Mexikanern und Koreaner aus dem kommunistischen Norden und dem Süden begegnen einander friedlich im Stadion: Was bei der laufenden Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika problemlos möglich ist, ruft bei Begegnungen zwischen den Kulturen im Alltag oftmals erhebliche Konflikte hervor.

„Vorurteile und Intoleranz gegenüber anderen ethnischen oder auch sozialen Gruppen haben viele Erscheinungsformen in unserer Gesellschaft“, weiß Prof. Dr. Andreas Beelmann von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Von der Abwertung von Minderheiten über deren Ausgrenzung bis hin zu offener Gewalt gegenüber Menschen, die einfach nur anders aussehen, reiche das Spektrum, so der Psychologe weiter.

Wie Vorurteile entstehen und wie Lehrer und Erzieher deren Entwicklung bereits im Grundschulalter entgegenwirken können, das haben Prof. Beelmann und sein Team im Rahmen der Forschergruppe „Diskriminierung und Toleranz in Intergruppenbeziehungen“ untersucht: In 15 Thüringer Grundschulen haben sie Kinder der dritten Klasse über einen Zeitraum von zwei Jahren begleitet und mit einem eigens entwickelten Trainings- und Präventionsprogramm gefördert. Nun liegen die Ergebnisse der „Thüringer Studie zur Vorurteilsprävention und Toleranzentwicklung“ vor. Im Rahmen einer internationalen Konferenz vom 30. Juni bis 3. Juli an der Universität Jena werden die Studienergebnisse der wissenschaftlichen Öffentlichkeit vorgestellt.

„Durch ein interkulturelles Training lässt sich das Wissen über andere Kulturen und Nationen bei Kindern deutlich erhöhen“, nennt Studienleiter Beelmann einen zentralen Befund der Untersuchung. Damit werde ein wichtiger Grundstein für gegenseitiges Verständnis und Toleranz gelegt, unterstreicht der Professor für Forschungssynthese, Intervention und Evaluation der Uni Jena. „Darüber hinaus ließen sich auch Verbesserungen hinsichtlich der Einstellung zu Kindern anderer Nationen nachweisen.“ So wünschten sich Kinder der Trainingsgruppe etwa einen näheren Kontakt zu asiatischen oder russischen Kindern als Kinder, die das Training nicht absolviert hatten.

An der Thüringer Studie haben insgesamt rund 400 Kinder teilgenommen. Neben dem interkulturellen Training enthielt das Programm auch Übungen, in denen die Kinder spielerisch in Kontakt mit ausländischen Gleichaltrigen treten. „Dabei handelte es sich nicht um direkte persönliche Kontakte“, erläutert Prof. Beelmann, „sondern um erzählte und gelesene Geschichten, die z. B. von russischen Kindern handeln.“ Als drittes Trainingselement beinhaltete das Programm Übungen zur Unterstützung sozial-kognitiver Fertigkeiten, beispielsweise die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen.

Insgesamt, so räumt Prof. Beelmann ein, sei die positivere Einstellung der Kinder der Trainingsgruppe gegenüber anderen Ethnien zwar nachweisbar, doch nicht sehr ausgeprägt. „Das liegt vor allem daran, dass wir in dieser Altersgruppe generell ein geringes Niveau von Intergruppenkonflikten haben“, erläutert der Jenaer Psychologe. Zum anderen sei der Erfolg von Präventionsmaßnahmen grundsätzlich schwierig nachzuweisen. „Das ist wie beim Impfen“, veranschaulicht Beelmann. Zwar verhindere die Immunisierung den Ausbruch einer bestimmten Krankheit – sei also zweifellos ein Erfolg. „Allerdings ist es bei vielen Krankheiten so, dass sie auch ohne Impfung nicht ausgebrochen wären.“ Deshalb interessieren sich die Jenaer Psychologen vor allem für die langfristige Wirkung ihres Präventionsprogramms. „Wir planen, die Untersuchung der Schüler auch zu späteren Zeitpunkten fortzusetzen“, kündigt Prof. Beelmann an. Bisher fehlten standardisierte Präventionsmaßnahmen gegen Vorurteile und Intoleranz im frühen Kindesalter völlig. Die Jenaer Untersuchung ist deshalb schon jetzt die bisher umfangreichste Längsschnittstudie dieser Art.

Die Tagung der Forschergruppe „Diskriminierung und Toleranz in Intergruppenbeziehungen“ findet vom 30. Juni bis 3. Juli in den Rosensälen der Universität Jena statt. Neben der „Thüringer Studie zur Vorurteilsprävention und Toleranzentwicklung“ werden dort auch zahlreiche weitere Ergebnisse der achtjährigen Arbeit der an der Universität Jena angesiedelten Forschergruppe präsentiert. Die Konferenz wird eröffnet am 30. Juni um 19 Uhr mit einer vom Deutschlandfunk mitgeschnittenen Podiumsdiskussion zum Thema: „Integration ohne Grenzen? Unser Umgang mit Vielfalt und Andersartigkeit in einer multikulturellen Gesellschaft“.

Kontakt:
Prof. Dr. Andreas Beelmann
Institut für Psychologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Humboldtstraße 26, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 945901
E-Mail: Andreas.Beelmann[at]uni-jena.de

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