Schrumpfende Gesellschaften: Welcher Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels?

Wie weit sind Deutschland und andere schrumpfende Gesellschaften auf den Umgang mit dem demografischen Wandel vorbereitet? Welche Maßnahmen werden bereits ergriffen? Und inwieweit kann Zuwanderung helfen, ein Schrumpfen der Bevölkerung zu vermeiden oder abzumildern? Diesen und anderen – im Verlauf des Projektes immer brisanter werdenden – Fragen ging das Fraunhofer ISI zusammen mit dem japanischen Forschungspartner RISTEX nach.

Inhaltlich wird zwischen einer alternden und einer schrumpfenden Gesellschaft (Abnahme der Bevölkerungszahl durch eine höhere Sterbe- und Abwanderungsquote als Geburtenrate plus Zuwanderung) unterschieden. Für Deutschland und einige andere Industrieländer gilt bereits beides: Die alternden Gesellschaften sind gleichzeitig auch die am stärksten schrumpfenden.

„An der Tatsache einer alternden und gleichzeitig abnehmenden Anzahl an Personen der 'einheimischen Bevölkerung' in Deutschland ändern auch die hohen Einwanderungszahlen des letzten Jahres vorerst nur wenig“, so die Projektleiterin Dr. Kerstin Cuhls.

Um einer möglichen Schrumpfung der Gesellschaft weiter auf den Grund zu gehen, wurde zunächst untersucht, wie andere betroffene Länder hiermit umgehen. In Bezug auf die Zuwanderung nach Deutschland hat das Projektteam unterschiedliche vorausschauende Annahmen für Deutschland getroffen – und auf dieser Basis Empfehlungen für das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), das die Studie finanziert hat, erarbeitet.

Wie wird sich der demografische Wandel auf Gesellschaften auswirken?

Die Ergebnisse, die in der Publikation „Schrumpfende Gesellschaften im Vergleich. Maßnahmen gegen die Folgen des demografischen Wandels“ festgehalten sind, gehen zuerst auf die mittels Literaturrecherche untersuchten Auswirkungen des demografischen Wandels ein:

Dieser wird etwa Formen des Zusammenlebens und Familienstrukturen, die sich in Zukunft wandeln werden, genauso betreffen wie Geschlechterfragen im Beruf oder den sich möglicherweise besonders in Pflegeberufen verstärkenden Fachkräftemangel. Weiterhin dürften neue Krankheitsbilder wie psychische Erkrankungen oder Demenzen zunehmen. Der demografische Wandel hat aber auch positive Seiten: Menschen leben länger, bleiben dabei gesünder und nehmen länger aktiv am gesellschaftlichen Leben teil als in frühen Zeiten.

Doch wie lässt sich den Auswirkungen des demografischen Wandels effektiv begegnen und was kann die Forschung hierzu beitragen? Die der Publikation zugrunde liegende Studie kommt auf Basis von Experteninterviews zu dem Schluss, dass es sowohl mehr Forschungsprojekte mit Technikbezug als auch solche mit einem stärkeren Fokus auf gesellschaftliche Aspekte bedarf, die verknüpft werden müssen.

Zum Beispiel sollten technische Hilfen für die Pflege oder Exoskelette zur physischen Unterstützung von Menschen entwickelt und im realen Einsatz erforscht werden, damit Menschen möglichst lange in ihren eigenen vier Wänden bleiben können. Darüber hinaus werden Forschungsprojekte empfohlen, die sich mit der Digitalisierung von Patientendossiers zur umfassenden Darstellung von Krankheitsverläufen oder einer veränderten Krebsforschung und -behandlung mit einer stärkeren Berücksichtigung des Alterungsaspekts auseinandersetzen.

Künftige Studien zum demografischen Wandel müssen auch soziale Strukturen von Gesellschaften stärker betrachten

Die Empfehlungen sehen zudem vor, neben einer rein technikbasierten Erforschung des Umgangs mit dem demografischen Wandel zusätzlich die sozialen Strukturen Deutschlands und der anderen betroffenen Länder in künftigen Studien stärker zu betrachten. So sollten etwa neue Versorgungs- und Pflegeinfrastrukturen wie Zeitvorsorgesysteme für nachbarschaftliche Freiwilligenarbeit untersucht werden.

Auch sollten weitere Projekte die Möglichkeiten ausloten, wie arbeitswillige ältere Personen besser in den Arbeitsmarkt integriert bleiben können. Der demografische Wandel kann sich zudem direkt auf demokratische und politische Prozesse von Gesellschaften auswirken, wenn etwa die Interessen älterer Menschen von der Politik in Zukunft überproportional stark berücksichtigt würden. Entsprechende Forschungsprojekte sollten dies beachten und zur Vorbeugung von Generationenkonflikten beitragen.

Mit Technik allein lassen sich die entstehenden Herausforderungen folglich nicht lösen, sondern es bedarf in vielen Bereichen eines Umdenkens und übergreifender Konzepte. Diese technisch-gesellschaftliche Lösungen sollten dann in „Reallaboren“ unter realen Bedingungen erprobt werden und können Hinweise darauf liefern, wie längerfristig ein gutes Miteinander und Füreinander der unterschiedlichen Generationen möglich ist.

Die Studie „Schrumpfende Gesellschaften im Vergleich. Maßnahmen gegen die Folgen des demografischen Wandels“ kann hier heruntergeladen werden: http://www.isi.fraunhofer.de/isi-wAssets/docs/v/de/publikationen/CU_BMBF-SCHRUMP…

http://www.isi.fraunhofer.de/isi-wAssets/docs/v/de/publikationen/CU_BMBF-SCHRUMP…

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Anne-Catherine Jung Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)

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