Nur Deutsch auf dem Schulhof – Mehrsprachigkeit ist ein kostbares Gut!

Wenn es nach dem NRW-Integrationsminister Laschet ginge, würden Migrantenkinder in der Schule ausschließlich deutsch sprechen. Dafür hat Professor Ludger Hoffmann vom Institut für Deutsche Sprache und Literatur wenig Verständnis:

„Der Schulhofstreit fing harmlos an. In einer Berliner Schule haben El-tern, Schüler und Lehrer sich darauf geeinigt, dass auf dem Schulhof möglichst Deutsch gesprochen werden soll. Strafen waren nicht vorgesehen. Ein von Schulzwecken entlasteter Raum wurde zusätzlich für das Lernen geöffnet. Dann allerdings haben Politiker sich eingemischt und eine allerdings strafbewehrte Regelung für alle Schulhöfe gefordert. „Hier spricht man Deutsch“ wäre eine Übersetzung, die fatale Assoziationen weckt, und es gab Widerspruch, der allerdings kaum gut begründet auftrat.

Nun dient der Schulhof nicht nur der Pause im anstrengenden Alltag der Institution. Er bietet die Möglichkeit unkontrollierter Gespräche mit Gleichaltrigen über Probleme jeder Art, auch über schulische Themen. Wenn die Sprachmittel fehlen, ein Sprachwechsel zur Erstsprache nicht stattfinden darf, wird die Kommunikation ärmlich und uninteressant.

Aber es soll doch unter allen Umständen Deutsch gelernt werden? Na-türlich, darum geht es gerade. Viele wissenschaftliche Untersuchungen belegen allerdings, dass die Zweitsprache auf der Basis einer entwickelten Muttersprache am besten gelernt wird und ein zu früher Entwicklungsstopp schädlich sein kann. In der Muttersprache bildet sich die elementare Begrifflichkeit aus, über sie erfolgt der erste Zugang zur Welt, an ihr entsteht das Sprachwissen, auf dem weitere Sprachen aufbauen. Wird die Entwicklung der Muttersprache zu früh beeinträchtigt, ist auch die Ausbildung der Zweitsprache oder weiterer Sprachen wie Englisch gefährdet. Der Erwerb ist an ausreichende, niveauvolle und vor allem kontinuierliche Kommunikation mit Kompetenten gebunden. Wer nicht gut Deutsch kann, wird durch gebrochenes Deutsch auf dem Schulhof oder im Elternhaus nicht gefördert, sondern lernt Deutsch mit Akzent.

Wissenschaftlich wurde auch gezeigt, dass Unterrichtstexte viel besser verstanden werden, wenn sie in einem ersten Durchgang in der Mutter-sprache präsentiert werden und so das begriffliche Verständnis abgesichert wird.

Ohnehin entwickeln viele Kinder ihre Muttersprache ab Schuleintritt nicht so weiter, wie es für eine gute Kommunikation oder gar Schriftkompetenz nötig wäre. Beim Besuch im Herkunftsland erweist sich ihre Sprechweise dann als auffällig.

Es fehlt zu wirklicher Integration an einer Anerkennung wenigstens der großen Migrationssprachen. Wir brauchen mehr muttersprachlichen Unterricht. Vor allem muss eine Sprache wie Türkisch Schulfach sein. In der Schule sollten, solange sich dies nicht ändert, Räume für die Muttersprache geöffnet bleiben. Es kann sogar den Unterricht fördern, wenn im begrenzten Rahmen einer Arbeitsgruppe eine andere Sprache genutzt werden kann, sich über schwierige Inhalte zu verständigen. Zur selbstverständlichen Kompetenz von Lehrern könnte gehören, Basiskenntnisse in Herkunftssprachen zu haben – eine gute Lehrerausbildung bietet das schon heute an.

Es ergibt also genauso wenig Sinn, Deutsch auf dem Schulhof durchzusetzen wie den Sprachwechsel von Jugendlichen in der Straßenbahn sanktionieren zu wollen. Es sei denn, diese Jugendlichen können schon sehr gut Deutsch und die Pause soll als Ausdehnung des Unterrichts für eine Optimierung eingesetzt werden. Die Wahl der für die Verständigung geeigneten Mittel bestimmen Situation und Partner. Ist die einzige Verständigungssprache Deutsch – bei mehreren Erstsprachen -, wird natürlich Deutsch gesprochen. Manchmal reicht es – wie in der Zeit der Hanse-, wenn man die Sprache des Anderen einigermaßen versteht, aber die eigene spricht. Längst finden sich auch türkische Brocken bei deutschsprachigen Jugendlichen. Starre Regeln verhindern, dass über bestimmte Dinge gesprochen wird, sie können auf ein niedriges Gesprächsniveau festlegen.

Mehrsprachigkeit ist ein kostbares Gut und jeder Förderung würdig. Damit würde ein wichtiger Beitrag zur Integration und gegen Parallelgesellschaften geleistet. Die relevanten Diskussionen über Ehre, Zwangsehe, Rolle von Frauen und Männern, Kopftuch, Fundamentalismus könnten von Jugendlichen in der Muttersprache geführt und weiter getragen werden.“

Kontakt:
Prof. Dr. Ludwig Hoffmann, Ruf: (0231) 755-2921

Media Contact

Ole Lünnemann idw

Weitere Informationen:

http://www.uni-dortmund.de/

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