Weichzeichner Zeit

Das autobiografische Gedächtnis hält kein exaktes Abbild der Vergangenheit fest, sondern konstruiert eine Geschichte. Diese Ungenauigkeiten verzerren die Ergebnisse der großen sozioökonomischen Erhebungen, wie jetzt eine Psychologin nachgewiesen hat. Durch Änderungen im Befragungsstil lassen sich jedoch genauere Ergebnisse erzielen, zeigt die Studie.

„Menschen stellen aus der Erinnerung eine Biografie her, mit der sie gut leben können, und rückwirkend erscheint ihr Leben meist glatter und zielgerichteter als es in Wirklichkeit war“, erklärt die Psychologin Dr. Maike Reimer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Die Erinnerung neigt eben zu gewissen Retuschen, wissen die Psychologen. Diese Eigenheit des autobiografischen Gedächtnisses sollte sich auch in den nüchternen Daten von soziologischen Studien niederschlagen, vermutete Reimer. Daher hat sie diese Frage an dem von Professor Dr. Karl Ulrich Mayer geleiteten Forschungsbereich „Bildung, Arbeit und gesellschaftliche Entwicklung“ nun wissenschaftlich unter die Lupe genommen.

Der Soziologe Mayer führt seit mehr als 20 Jahren die große Deutsche Lebensverlaufsstudie durch, für die jeweils Tausende von Menschen aus verschiedenen Geburtsjahrgängen zu ihrem Bildungs- und Berufsweg sowie zu Stationen im privaten Leben wie Umzügen oder Familiengründung befragt werden. Doch wie zuverlässig können die Befragten wirklich Auskunft über lange zurückliegende berufliche oder andere Wechsel geben? Maike Reimer überprüfte daher einen Teil der Daten der Lebensverlaufsstudie auf Unstimmigkeiten. Bei der ostdeutschen Teilstudie griff sie auf Daten zu, die von den 1300 Teilnehmern sowohl im Jahr 1992 als auch im Jahr 1997 erhoben wurden, so dass sich die Angaben für einen bestimmten Zeitraum überlappten. Bei der westdeutschen Teilstudie verglich Reimer die Daten mit denen der Bundesanstalt für Arbeit, wobei sie vorbereitete Datensätze des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung nutzen konnte. Zusätzlich hörte Maike Reimer zahlreiche Tonbandmitschnitte der gut einstündigen Interviews ab, um herauszufinden, bei welcher Art von Fragen am ehesten Ungenauigkeiten entstehen.

Die Erinnerung aus einer längeren Rückschau konstruiert ein etwas konventionelleres, stetigeres Bild. Unstimmigkeiten sind am ehesten dann zu erwarten, wenn die Biografie nicht gut zu einem der wohldefinierten Zustände passt, in die sich die Befragten einordnen sollen. „Soziologen definieren das Leben als eine Wanderung durch verschiedene eindeutige Zustände wie arbeitslos, in Ausbildung, berufstätig, verheiratet oder geschieden. In der Realität gibt es jedoch auch Phasen, in denen es Menschen schwierig finden, sich einem dieser Zustände zuzuordnen, etwa, wenn sie Kurzarbeit machen oder eine Fortbildung während der Arbeitslosigkeit,“ sagt Reimer. In beiden Teilen Deutschlands erinnern sich Menschen mit vielen Sprüngen in der Berufsbiografie ungenauer als solche, die nur wenige Veränderungen erlebten. Auch neigen die Befragten dazu, kurze Phasen der Arbeitslosigkeit zu vergessen und länger zurückliegende Ereignisse weniger exakt zu rekonstruieren als etwa die jüngste Vergangenheit.

Interessant waren die Geschlechterunterschiede in Ost- und Westdeutschland: Westfrauen erinnern berufliche Episoden wesentlich ungenauer als Westmänner, ihre Biografie ist auch meist häufiger unterbrochen und besteht aus zahlreichen kurzen Episoden. Für das Selbstwertgefühl der Westfrauen spielt das Berufsleben noch immer eine weniger große Rolle als für Männer. Zwischen Ostfrauen und Ostmännern gibt es dagegen kaum Unterschiede. Bei der ersten Befragung 1992 gaben Ostdeutsche die Episoden der Arbeitslosigkeit weniger vollständig an. Reimer vermutet, dass die Bürger der ehemaligen DDR, in der Arbeitslosigkeit offiziell nicht existiert hatte, sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht daran gewöhnt hatten, ihr eigenes Berufsleben als Abfolge von wechselnden Stellen und Arbeitslosigkeit zu sehen. Bei der zweiten Befragung 1997 erinnerten die gleichen Personen Phasen der Arbeitslosigkeit genauer, da Arbeitslosigkeit inzwischen als Massenphänomen und nicht mehr als individuelles Versagen wahrgenommen wurde.

Aus Reimers Arbeit lassen sich konkrete Empfehlungen für künftige Befragungen ableiten: Denn wenn die Interviewer der Person Gelegenheit geben, sich in den damaligen biografischen Kontext zurückzuversetzen, werden die Aussagen genauer. Auf die Frage: „Was haben Sie im September 1983 gemacht?“ können viele Studienteilnehmer nicht genau antworten. Lautet die Frage dagegen: „Als Ihr erstes Kind zur Welt kam, was war da Ihre berufliche Situation?“ fällt es den meisten Menschen leichter, sich richtig zu erinnern. Die Interviewer sollten die biografischen Eckdaten nutzen, um dem Befragten einen Rahmen zu bieten, der sie in die damalige Situation versetzt, empfiehlt die Psychologin.

Eigentlich ist die Lebensverlaufsstudie dennoch überraschend genau, meint Reimer. Die Fehler sind eher geringfügig und haben eine eindeutige Richtung, so dass sie sich abschätzen lassen.

Media Contact

Dr. Antonia Rötger idw

Weitere Informationen:

http://www.mpib-berlin.mpg.de

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