Alles bloß virtuell? Informatisierte Arbeit und ihr Vermögen

Was macht eigentlich das Neue an Arbeit im Teleservice, mit Agententechnologien, mit Avataren aus? Wo liegen die emanzipatorischen Potenziale, wo die Chancen und Gefahren von OpenSource, e-Recruiting, SAP R/3? Die Soziologin Dr. Sabine Pfeiffer entwickelt in ihrem eben erschienenen Buch „Arbeitsvermögen – Ein Schlüssel zur Analyse (reflexiver) Informatisierung“ ein theoretisch begründetes Raster für die Analyse informatisierter Arbeit und unterzieht es einem Praxistest an empirischen Forschungsergebnissen. Es zeigt sich, dass das lebendige Arbeitsvermögen der arbeitenden Subjekte zentrale Bedeutung gerade für diese scheinbar so immateriellen Tätigkeiten hat.

Grundlage der Arbeit von Sabine Pfeiffer ist eine Reihe von Forschungsprojekten, die die Arbeits- und Industriesoziologin am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung – ISF München bearbeitet hat, u.a. zum erfahrungsgeleiteten Arbeiten in der Chemischen Industrie, zum Teleservice, zum „Multimedia-Arbeitsplatz der Zukunft“, zu informatisierter Arbeit, aber auch – im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 536 „Reflexive Modernisierung“ – zu Umbrüchen im gesellschaftlichen Umgang mit sinnlicher Erfahrung.

Zunächst arbeitet Pfeiffer einen tragfähigen Begriff der informatisierten Arbeit heraus, in Auseinandersetzung sowohl mit der „Technikvergessenheit“ der Arbeitssoziologie als auch mit Theorien der Subsumtion von Arbeit unter Technik. Informatisierte Arbeit wird in der Folge auf ihre „reflexive“ Dimension hin untersucht, unter Bezug auf das Forschungsprogramm der Reflexiven Modernisierung. Im nächsten Schritt geht es um die theoretisch begründeten Kategorien für die Analyse informatisierter Arbeit. Dabei greift die Soziologin auf den verschütteten Marxschen Begriff des Arbeitsvermögens zurück, der „die im Subjekt zur Form gekommene lebendige Arbeit“ umfasst. Im Zusammenspiel mit den Kategorien der Arbeitskraft und der Arbeitsorganisation ergibt sich ein Raster, das es ermöglicht, die vielfältigen Formen der informatisierten Arbeit zu erfassen, zu vergleichen und auf ihre spezifische Neuheit hin zu befragen.

Sabine Pfeiffer nutzt das von ihr erarbeitete Instrumentarium sogleich zur Interpretation von Forschungsergebnissen aus ihrer eigenen empirischen Arbeit. So gelingt es ihr, drei neue Trends in der Informatisierung von Arbeit herauszuarbeiten und kategorial zu bestimmen: die Technologisierung der Arbeitsorganisation (etwa über Integrierte Betriebswirtschaftliche Systeme wie SAP), die Virtualisierung des Arbeitsvermögens (u.a. mit Hilfe von Agentensystemen) und die Mediatisierung der Arbeitskraft (vor allem mittels neuer, technisch gestützter Zugriffsoptionen). Schließlich diskutiert sie die Gestaltung dieser Tendenzen bei der Einführung von Teleservice im Maschinenbau und stößt dabei auf wesentliche Gründe für die zögerliche, hindernisreiche und unvollständige Durchsetzung dieser Innovation – Gründe, die wesentlich mit der Unterschätzung der subjektiven, nicht-formalisierbaren Seite des Arbeitshandelns zu tun haben.

Die 346 Seiten umfassende Arbeit ist beim VS-Verlag für Sozialwissenschaften in Wiesbaden erschienen und im Buchhandel erhältlich.

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Frank Seiss idw

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