Jugendliche streben nach klassischen Werten

Mannheimer Studie zeigt: Ausbildung, Fairness und Sparsamkeit vorrangig. Soziales Verhalten wird von Gleichaltrigen gelernt, nicht von den Eltern.

Jugendliche streben nach klassischen Werten: Sie planen ihre Zukunft, nehmen die Vorbereitung auf den Beruf sehr wichtig, messen fairem Verhalten gegenüber Anderen hohe Bedeutung bei und erachten Sparsamkeit als Tugend. Dies ist das vorläufige Ergebnis des Forschungsprojektes „Jugend.Werte.Zukunft!“, das seit September 2002 am Lehrstuhl Erziehungswissenschaft II der Universität Mannheim durchgeführt wird. Die von der Landesstiftung Baden-Württemberg geförderte Studie befragte Schüler und Schülerinnen der Klassen sieben bis neun zu ihrer Zukunftssicht, nach ihrer Einstellung zu Schule und Beruf, sozialem Verhalten und ihrem Konsumverhalten. Der wohl beachtlichste Befund der Untersuchung ist, dass Jugendliche soziales Verhalten nicht in erster Linie von ihren Eltern, sondern von ihren Freunden lernen.

Grundlage der Studie ist eine Befragung, die im Herbst 2003 an Mannheimer Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien durchgeführt wurde und an der insgesamt 1.200 Jugendliche der Jahrgangsstufen sieben bis neun teilgenommen haben. Die Studie zeichnet das Bild einer werteorientierten und wertefesten Jugend:

Mit 77% gibt die große Mehrheit der Jugendlichen an, genau zu wissen, welche Werte ihnen im Leben wichtig sind. An erster Stelle steht den Jugendlichen die Vorbereitung auf den späteren Beruf (93,4%). An zweiter Stelle folgen faires und sozial verantwortungsvolles Verhalten (89,6%) und an dritter Stelle Sparsamkeit und der vernünftige Umgang mit Geld (80,4%). Eine Abwendung von den Werten der älteren Generation ist nicht festzustellen. Vielmehr ist eine Orientierung an klassischen Werten zu beobachten, deren Umsetzung im Alltag für die Jugendlichen allerdings nicht immer einfach ist.

Ein weiterer Befund der Studie entspricht nicht dem allgemeinen Bild der heutigen Jugend, die gerne als rücksichtslos, egoistisch und wenig sozial beschrieben wird: Neun von zehn Jugendlichen geben an, dass es ihnen wichtig oder sehr wichtig ist, sich fair gegenüber anderen Menschen zu verhalten und Konflikte friedlich zu lösen. Hierbei gibt es allerdings deutliche Geschlechter-Unterschiede: Während bei den Jungen „nur“ 84,5% soziales Verhalten als wichtig oder sehr wichtig einstufen, so finden sich unter den Mädchen 95%. Zwar erlebt etwa ein Drittel der Jugendlichen es im Alltag als schwierig, sich immer fair gegenüber anderen Menschen zu verhalten, aber immerhin zwei Drittel haben den Eindruck, dass ihnen ein fairer Umgang mit anderen Menschen in der Regel gelingt. Auch hier haben die Mädchen wieder die Nase vorn.

Überraschend, so der Projektleiter Dr. Heinz Reinders, ist, dass soziales Verhalten vor allem in der Freundschaft mit Gleichaltrigen eingeübt wird. Den Eltern der befragten Jugendlichen ist zwar das soziale Verhalten ihrer Kinder überaus wichtig, aber ob sich die Jugendlichen tatsächlich fair verhalten, hängt stärker mit den Erwartungen ihrer Freunde zusammen. Je mehr die Freunde Wert auf Fairness und Gleichberechtigung legen, um so sozialer verhalten sich die Jugendlichen auch in ihrem Alltag.

„No Future“, ist kein Schlagwort der heutigen Jugendlichen mehr. Danach befragt, wie wichtig ihnen eine gute Vorbereitung auf die Zukunft ist, gaben 80% der Jugendlichen an, dass sie ihre Zukunft wichtig oder sehr wichtig nehmen und das Gefühl haben, diese auch planen zu können. In etwa der gleiche Prozentsatz Jugendlicher (78,2%) findet es wichtig oder sehr wichtig zu wissen, was man im Alter von vierzig Jahren erreicht haben will.

Dieses Interesse an der eigenen Zukunft zeigt sich insbesondere daran, welchen Stellenwert die Jugendlichen dem schulische Lernen beimessen. 93,4% der Jugendlichen stimmten der Aussage zu, dass es wichtig ist, sich durch das Lernen in der Schule für den späteren Beruf vorzubereiten. Mädchen ziehen sich dabei nicht mehr auf die Möglichkeit der Rolle als Hausfrau und Mutter zurück. Ähnlich wie die Jungen (93,1%) sehen es auch die Mädchen (93,8%) als wichtig oder sehr wichtig an, in der Schule beruflich qualifizierendes Wissen zu erwerben. 55% der Befragten gaben jedoch an, dass es ihnen schwer oder sehr schwer fällt, für die Schule zu lernen und sich dadurch auf den späteren Beruf vorzubereiten. Hier tun sich insbesondere die Jungen schwer (Jungen 57%, Mädchen 53%).
Schwierigkeiten bereiten den Jugendlichen dabei auch ungenaue Vorstellungen ihrer beruflichen Zukunft: 69% der Jugendlichen gaben an, noch nicht zu wissen, welchen Beruf sie später einmal ausüben möchten. Etwa 58% der Jungen und Mädchen sagen, dass es so viele interessante Berufe gibt, dass die Entscheidung schwer fällt. 54% der Jugendlichen gaben an, noch auf der Suche nach ihren Fähigkeiten zu sein.

Obwohl Jugendliche noch nicht fest im Berufsleben stehen, sind sie mittlerweile durch Nebenjobs und Taschengeld dennoch zahlungskräftige Konsumenten. Die Frage ist, ob sie dabei auch einen verantwortungsvollen Umgang mit ihrem Geld entwickeln. Immerhin 80,4% der befragten Jugendlichen sagten, es sei ihnen sehr wichtig, nicht auf jede Werbung hereinzufallen und stattdessen sparsam und bewusst mit ihrem Geld umzugehen. Nur 33,7% der Jugendlichen empfinden dies als schwierig.

Insgesamt widerspricht die Mannheimer Studie dem allgemeinen Bild, dass sich die Gesellschaft von ihren Jugendlichen macht. Das Forschungsprojekt läuft noch bis Dezember 2004. Eine Wiederbefragung im Herbst 2004 wird zeigen, ob und in welche Richtung sich die Wertvorstellungen der Jugendlichen ändern.

Weitere Informationen:

Dr. Heinz Reinders
Universität Mannheim
Lehrstuhl Erziehungswissenschaft II
68131 Mannheim
Tel.: 0621- 181-2207
reinders@jugendforschung.de

Media Contact

Achim Fischer idw

Weitere Informationen:

http://perplex.jugendforschung.de

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