Gletscherschmelze lässt das Meer steigen

Das rasche Schmelzen der Gletscher trägt seit 2003 die Hauptverantwortung für den Anstieg des Meeresspiegels. Das berechneten Forscher am Forschungslabor für Geophysik und räumliche Ozeanografie in Toulouse aufgrund exakter Satelliten- und Bojenmessdaten.

Demnach hat das schmelzende Eis am Festland derzeit größere Auswirkungen als der Eisrückgang an den Polen und die zusätzliche Ausdehnung des Wassers aufgrund seiner Erwärmung. Diese Ergebnisse wurden in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Global and Planetary Change“ veröffentlicht.

Der Meeresspiegel der Ozeane, der in den letzten Jahrtausenden um insgesamt nur etwa 20 Zentimeter geschwankt ist (pressetext berichtete: http://pressetext.de/pte.mc?pte=080416025 ), steigt seit dem 19. Jahrhundert mit zunehmender Geschwindigkeit. Ein Höhepunkt bildete dabei die Zeitspanne zwischen 1993 und 2003, in der ein jährlicher Anstieg um durchschnittlich drei Millimeter zu beobachten war. Eine Hälfte dieses Effekts ging in diesem Zeitraum auf die temperaturbedingte Volumserhöhung des Wassers zurück, die andere auf die Eisschmelze in den Polarregionen und auf den Gletschern.

Im Beobachtungszeitraum seit 2003 erfolgte eine Umkehrung der Situation. Zwar ging der jährliche Anstieg auf etwa 2,5 Millimeter leicht zurück, der durch Erwärmung der Ozeane verschuldete Anteil davon beträgt jedoch nur mehr etwa 0,4 Millimeter pro Jahr und scheint damit vorläufig einen Höhepunkt überschritten zu haben. Satellitenmessungen der Eisvolumen an den Polen zeigten, dass die schmelzenden Eisberge die Meere allein um bereits einen Millimeter jährlich steigen lassen. Noch überboten wird dieser Wert allerdings von der Gletscherschmelze verursachte Anstieg, der laut neuesten Berechnungen 1,1 Millimeter pro Jahr beträgt.

Geht man von einem Fortdauern des schnellen Schmelzens von Gletscher und Polen aus und steigt auch die wärmeverschuldete Ausdehnung der Meere wieder auf Werte wie in den 90er Jahren, wäre sogar ein jährlicher Anstieg von vier Millimetern möglich. Aktuelle Berechnungen des UN-Klimarats IPPC sehen den Meeresspiegel bis Ende des Jahrhunderts um 18 bis 59 Zentimeter steigen, die Umweltstiftung WWF hält auch 120 Zentimeter für möglich. Beide Szenarien hätten auch für die Küsten Europas katastrophale Folgen.

„Den größten Rückgang von Gletschern gibt es in Europa in Skandinavien“, verdeutlicht der Klimaforscher Wolfgang Schöner von der Wiener Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) im pressetext-Interview. Der Einfluss der Gletscher auf die Wassermenge der Flüsse sei im Alpenraum allgemein gering. „In besonders heißen und trockenen Sommern wie zuletzt 2003 kann ihr Beitrag jedoch bis zu siebzig Prozent des gesamten Abflusses betragen“, so der Gletscherexperte. Relevanz für das Klima besäßen Gletscher in mehrerer Hinsicht. „Ihr Süßwasserbeitrag wirkt sich auf die Meeresströmungen aus. Außerdem haben sie einen kühlenden Effekt, da ihre Oberfläche nie über Null Grad beträgt“, betont Schöner.

Für den Alpenraum prognostiziert Schöner bis 2050 das völlige Verschwinden kleinerer Gletscher oder ihre Reduzierung auf kleine Reste. Diese Entwicklung betreffe besonders die vergleichsweise niederen Lagen der Ostalpen. „In den Westalpen verzögert sich der Effekt etwas, da sich Gletscher teilweise in höhere Lagen zurückziehen können.“ Reflektierende Folienabdeckungen, die einige Pistenbetreiber für ihre Schigebiete anwenden, würden den betroffenen Gletschern zwar gewissen Schutz bieten. „Durchgeführt werden diese Maßnahmen jedoch nur an sehr wenigen Orten“, so der Klimaexperte abschließend.

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Johannes Pernsteiner pressetext.austria

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