Gen-Fährte der menschlichen Besiedlung untersucht

Jene Menschen, die vor mehr als 30.000 Jahren von Afrika aus aufgebrochen sind, um erstmalig Europa zu besiedeln, haben offenbar Spuren in den Genen der heutigen Europäer hinterlassen, berichtet das Wissenschaftsmagazin Nature.

Ein internationales Forscherteam hat mehr als 10.000 Gen-Sequenzen von 15 Afroamerikanern und 20 US-Amerikanern europäischer Abstammung untersucht und dabei interessante Feststellungen gemacht: Die Afroamerikaner weisen mehr genetische Variationen auf, die europäischen US-Amerikaner hingegen mehr Variationen, die wahrscheinlich die Funktion von Proteinen beeinflussen.

Die Forscher haben die Verteilung von einzelnen Basenaustauschen – so genannte Single Nucleotide Polymorphisms (SNPs) – aus den zwei Bevölkerungsgruppen untersucht. SNPs stellen ca. 90 Prozent aller genetischen Varianten im menschlichen Genom dar. Sie treten nicht gleich verteilt auf, sondern nur ungleichmäßig stark in bestimmten Regionen. „Wie erwartet, findet man bestimmte SNPs nur in einem der beiden Datensätze. Die einzelnen Basenaustausche können auch zu einem Austausch von Aminosäuren in Proteinen führen“, so Steffen Schmidt vom Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen, der an der Studie mitgearbeitet hat, gegenüber pressetext. „Die europäischen US-Amerikaner besitzen nach den Untersuchungen zwar eine geringere genetische Variation, dafür finden aber verhältnismäßig mehr Aminosäurenaustausche statt, die die Funktion von Proteinen signifikant beeinflussen.“

Schmidt meint, das Ergebnis sei deshalb überraschend, weil man nicht unbedingt einen solch großen Unterschied erwartet hatte. Direkte Ableitungen auf das Auftreten einer Erkrankung eines Individuums könne man nicht herstellen. „Dazu wurden zu wenige Datensätze erhoben“, erklärt der Forscher, der zudem einräumt, dass wissenschaftliche Aussagen über genetische Ursachen von Krankheiten generell sehr vorsichtig zu beurteilen sind. „Dennoch ist die Suche nach Veränderungen im Genom im Hinblick auf die Ursache von Krankheiten in Zukunft von großer Bedeutung“, so Schmidt. „Die Ergebnisse der Studie sind in erster Linie in einem evolutionstheoretischen Kontext zu sehen“, erklärt der Forscher. Der gängigen Theorie nach wurde Europa von einer aus Afrika stammenden Gruppe von Menschen besiedelt. „Computersimulationen meiner Kollegen aus Cornell zeigen, dass diese Gruppe sehr klein war und eine geringe genetische Variation besaß. Eine kleine Bevölkerung kann aber dazu führen, dass genetische Variationen, die die Funktion von Proteinen verändern, häufiger werden – sie bleiben bestehen, solange diese Veränderungen das Überleben seines Trägers nicht maßgeblich beeinflussen.“

„Die Unterschiede, die meine Kollegen sehen, könnten also ein populationsgenetisches Echo der Besiedelung Europas sein“, erklärt Schmidt. Maßgeblich an der Studie beteiligt war eine Forschergruppe der Cornell University und der Harvard Medical School. Schmidt, der an der Weiterentwicklung des Computerprogramms PolyPhen – dieses sagt den Effekt von Aminosäureaustauschen in Proteinen vorher – maßgeblich beteiligt war, geht davon aus, dass die Studien mit weiteren Datensätzen und mehr Analysen fortgesetzt werden.

Ansprechpartner für Medien

Wolfgang Weitlaner pressetext.austria

Weitere Informationen:

http://www.tuebingen.mpg.de

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