Mit Plan B zur Unsterblichkeit

Wissenschaftler im Deutschen Krebsforschungszentrum klärten nun auf, wie einige Krebszellen die Chromosomen-Verlängerung auch ohne Telomerase schaffen. An diesem Mechanismus könnten neue, spezifische Krebstherapien ansetzen.

Krebszellen werden auch als „unsterblich“ charakterisiert, da sie die Fähigkeit haben, sich unaufhörlich zu teilen. Die Unsterblichkeit erfordert jedoch einige Veränderungen der zellulären Infrastruktur. Bei gesunden Körperzellen ist die Teilungsaktivität durch einen eingebauten Stoppmechanismus begrenzt: Die als Telomere bezeichneten Enden ihrer Chromosomen werden bei jeder Zellteilung ein klein wenig kürzer und sind nach einer bestimmten Zahl von Teilungen zu kurz, um weiteres Wachstum zu erlauben.

Krebszellen setzen sich darüber hinweg, indem sie die Telomerase wieder aktivieren: Dieses Enzym verlängert normalerweise die Chromosomenenden während der Embryonalentwicklung. Im gesunden erwachsenen Organismus dagegen ist die Telomerase stillgelegt.

Bei etwa 10 bis 15 Prozent der Krebsarten lässt sich jedoch keine aktive Telomerase nachweisen. „Da sich diese Zellen trotzdem unaufhörlich teilen, müssen sie einen Plan B zur Chromosomen-Verlängerung haben“, erklärt Dr. Karsten Rippe aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum. Wissenschaftler können die Zellen, die diesen alternativen Weg nutzen, unter dem Mikroskop identifizieren: Hier finden sich typische Proteinkomplexe an den Enden der Chromosomen angelagert, die in Krebszellen mit aktiver Telomerase oder in gesunden Körperzellen fehlen.

Zusammen mit einem Kollegen aus München klärten Rippe und seine Mitarbeiterin Inn Chung nun auf, wie dieser als APB bezeichnete Proteinkomplex die abgenutzten Chromosomen verlängert. Die Wissenschaftler fixierten die APB-Proteine künstlich an den Enden der Chromosomen und beobachteten dann den Prozess der DNA-Verlängerung: Der APB-Komplex lockt offenbar DNA-Reparaturproteine an, die normalerweise kleine Erbgutschäden der Zelle beseitigen. Diese bauen dann die verkürzten Enden der Chromosomen wieder auf.

„Durch diese Experimente konnten wir eine wichtige Funktion der APB-Komplexe bei der Telomerverlängerung nachweisen“, sagt Karsten Rippe. „Das Ergebnis zeigt uns, dass sie als Andockstelle der DNA-Reparaturproteine für alle Krebszellen ohne Telomerase essentiell sind. Da wir den Plan B jetzt kennen, haben wir neue Möglichkeiten Krebszellen ganz spezifisch anzugreifen, denn in gesunden Zellen spielt der Mechanismus keine Rolle.“

Chung, I., Leonhardt, H. und Rippe, K.. De novo assembly of a PML nuclear subcompartment occurs through multiple pathways and induces telomere elongation. J. Cell Science 2011, DOI: 10.1242/jcs.084681

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) ist mit mehr als 2.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland. Über 1000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen im DKFZ, wie Krebs entsteht, erfassen Krebsrisikofaktoren und suchen nach neuen Strategien, die verhindern, dass Menschen an Krebs erkranken.

Sie entwickeln neue Ansätze, mit denen Tumoren präziser diagnostiziert und Krebspatienten erfolgreicher behandelt werden können. Daneben klären die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Krebsinformationsdienstes (KID) Betroffene, Angehörige und interessierte Bürger über die Volkskrankheit Krebs auf. Das Zentrum wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren.

Media Contact

Dr. Stefanie Seltmann idw

Weitere Informationen:

http://www.dkfz.de/

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie

Der innovations-report bietet im Bereich der "Life Sciences" Berichte und Artikel über Anwendungen und wissenschaftliche Erkenntnisse der modernen Biologie, der Chemie und der Humanmedizin.

Unter anderem finden Sie Wissenswertes aus den Teilbereichen: Bakteriologie, Biochemie, Bionik, Bioinformatik, Biophysik, Biotechnologie, Genetik, Geobotanik, Humanbiologie, Meeresbiologie, Mikrobiologie, Molekularbiologie, Zellbiologie, Zoologie, Bioanorganische Chemie, Mikrochemie und Umweltchemie.

Zurück zur Startseite

Kommentare (0)

Schreiben Sie einen Kommentar

Neueste Beiträge

Mikroalge Stylodinium – ein geheimnisvoller Unbekannter aus dem Moor

Die Alge des Jahres 2022 … LMU-Biologe Marc Gottschling untersucht die Panzergeißler seit Langem. Einer ihrer bemerkenswertesten Vertreter wird jetzt zur Alge des Jahres 2022 gewählt. Die Mikroalge Stylodinium wird…

Zur Rolle von Bitterrezeptoren bei Krebs

Rezeptoren als Angriffspunkte für Chemotherapeutika. Bitterrezeptoren unterstützen den Menschen nicht nur beim Schmecken. Sie befinden sich auch auf Krebszellen. Welche Rolle sie dort spielen, hat ein Team um Veronika Somoza…

Das ungleichmäßige Universum

Forscher untersuchen kosmische Expansion mit Methoden aus der Physik von Vielteilchensystemen. Mathematische Beschreibungen der Expansion des Universums beinhalten einen systematischen Fehler: Man nimmt an, dass die Materie im Universum gleichmäßig…

Partner & Förderer