Neue Messmethode in der Molekular- Elektronik

Mit organischen makrozyklischen Rezeptoren (grün) versehene Goldelektroden (gelb) erlauben den Einfang von einzelnen Wirkstoffmolekülen aus wässriger Lösung (Mitte) und die Messung und Analyse ihrer elektrischen Leitfähigkeit.
(c) Angewandte Chemie

Die Steuerung von elektrischen Signalen mithilfe einzelner Moleküle ermöglicht die Miniaturisierung von Transistoren in integrierten Schaltkreisen bis auf die atomare Ebene.

Dieses Forschungsgebiet der molekularen Elektronik ebnet nicht nur den Weg für die nächste Generation von ultra-leistungsfähigen Computern, sondern auch für ganz neue elektronische Systeme und Methoden. Die kooperierenden Forschungsgruppen der Jacobs University Bremen und der chinesischen Wuhan University of Science and Technology haben nun eine Methode zur Messung der Leitfähigkeit einzelner pharmazeutischer und biologischer Moleküle entwickelt.

Die Ergebnisse ihrer gerade publizierten Forschungsarbeit sind von den Herausgebern der renommierten, 1887 gegründeten Zeitschrift „Angewandte Chemie“ als „Hot Paper“ ausgewählt worden. Damit wird das Thema als höchstrelevant in einem sich schnell verändernden Forschungsfeld eingestuft.

In der molekularen Elektronik werden einzelne Moleküle zwischen zwei Elektroden zu einer elektrisch leitenden Verbindung gespannt, in der dann die molekulare Leitfähigkeit vermessen wird. Obwohl die zugrunde liegende Methode für dieses Phänomen, die Rastertunnelmikroskopie, bereits vor mehr als dreißig Jahren mit dem Nobelpreis bedacht wurde, ist eine große Einschränkung geblieben: Um Zugang zur molekularen Leitfähigkeit zu erhalten, mussten die zu vermessenden Moleküle permanent an die anorganischen Goldelektroden angebracht werden, meist über Schwefelbrücken.

„Wir haben die beiden Elektroden so modifiziert, dass wir nicht nur die molekulare Leitfähigkeit eines Einzelmoleküls bestimmen können. Sondern wir sind jetzt in der Lage, die Verbindungen nach Belieben auszutauschen, um die Leitfähigkeiten von vielen verschiedenen Molekülen nacheinander zu messen“, sagt Dr. Werner Nau, Professor für Chemie an der Bremer Jacobs University. Seine Arbeitsgruppe widmet sich der Entwicklung neuer physikalisch-chemischer Methoden und fortschrittlicher Hybridverbindungen für die Lebens- und Materialwissenschaften.

In der neuen elektronischen Messanordnung werden beide Elektroden mit organischen makrozyklischen Rezeptoren modifiziert (siehe Abbildung), so dass sich gelöste Moleküle an die Verbindungsstelle anlagern und auch wieder ablösen können. Dies ist vergleichbar mit Steckverbindungen in der Elektrotechnik. Sie erlauben es, elektrische Elemente auszutauschen, etwa um defekte Komponenten zu ersetzen oder solche mit anderen Eigenschaften einzubauen. „Vereinfacht gesagt ist es uns gelungen, elektrische Steckverbindungen auf der Ebene von Einzelmolekülen einzuführen. Wir verwenden jetzt supramolekulare anstelle von kovalenten Bindungen an der leitenden Stelle. So werden ganz neue dynamische Messungen und Effekte möglich“, sagt Dr. Suhang He, eine der Erstautor:innen der Publikation und Postdoktorandin an der Jacobs University. Der zusätzliche Vorteil dieses Ansatzes ist, dass native, unveränderte Moleküle untersucht werden können, die invasive Einbringung von Schwefelgruppen ist also nicht mehr erforderlich.

In ihrer ersten Studie wendet das deutsch-chinesische Team die neu entdeckten supramolekularen elektrischen Verbindungen in der Biosensorik an, unter anderem für das Aufspüren von biologisch relevanten Verbindungen wie Camptothecin, einem Medikament für die Chemotherapie. Durch Messung der Veränderung der elektrischen Leitfähigkeit konnte es zum Beispiel zeigen, wie einzelne Wirkstoffmoleküle in den neuen elektrischen Verbindungsstellen protoniert und deprotoniert werden. In Physik und Technik hat die neue molekularelektronische Methode Potential für fortschrittliche molekulare Computeranwendungen. Denn sie zeigt, wie die unterschiedlichen Eigenschaften molekularer Leiter rasch vermessen und getestet werden können.

Über die Jacobs University Bremen:
In einer internationalen Gemeinschaft studieren. Sich für verantwortungsvolle Aufgaben in einer digitalisierten und globalisierten Gesellschaft qualifizieren. Über Fächer- und Ländergrenzen hinweg lernen, forschen und lehren. Mit innovativen Lösungen und Weiterbildungsprogrammen Menschen und Märkte stärken. Für all das steht die Jacobs University Bremen. 2001 als private, englischsprachige Campus-Universität gegründet, erzielt sie immer wieder Spitzenergebnisse in nationalen und internationalen Hochschulrankings. Ihre mehr als 1.600 Studierenden stammen aus mehr als 110 Ländern, rund 80 Prozent sind für ihr Studium nach Deutschland gezogen. Forschungsprojekte der Jacobs University werden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder aus dem Rahmenprogramm für Forschung und Innovation der Europäischen Union ebenso gefördert wie von global führenden Unternehmen.

Für weitere Informationen: www.jacobs-university.de

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Professor Werner Nau
Dekan und Professor für Chemie
E-Mail: w.nau@jacobs-university.de
Tel.: +49 421 200-4339

Originalpublikation:

Dynamic Interconversions of Single Molecules Probed by Recognition Tunneling at Cucurbit[7]uril-Functionalized Supramolecular Junctions
https://doi.org/10.1002/anie.202203830

Media Contact

Maike Lempka Corporate Communications & Public Relations
Jacobs University Bremen gGmbH

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie

Der innovations-report bietet im Bereich der "Life Sciences" Berichte und Artikel über Anwendungen und wissenschaftliche Erkenntnisse der modernen Biologie, der Chemie und der Humanmedizin.

Unter anderem finden Sie Wissenswertes aus den Teilbereichen: Bakteriologie, Biochemie, Bionik, Bioinformatik, Biophysik, Biotechnologie, Genetik, Geobotanik, Humanbiologie, Meeresbiologie, Mikrobiologie, Molekularbiologie, Zellbiologie, Zoologie, Bioanorganische Chemie, Mikrochemie und Umweltchemie.

Zurück zur Startseite

Kommentare (0)

Schreiben Sie einen Kommentar

Neueste Beiträge

Techtextil Innovation Award 2022

… geht an das ITM für entwickelte neuartige textile Herzklappenprothesen. Wissenschaftler:innen vom Institut für Textilmaschinen und Textile Hochleistungswerkstofftechnik (ITM) der TU Dresden sind am 21. Juni 2022 für ihre gewebten…

Quo vadis – wo steht die Entwicklung von Laserstrahlquellen?

Nach einer pandemiebedingten Pause von vier Jahren traf sich die Community der industriellen Lasertechnik zum »AKL’22 – International Laser Technology Congress« vom 4. bis zum 6. Mai 2022 in Aachen….

Innovative Kopfhörer erkennen die Schallquellen im „toten Winkel“ des Trägers

Forscher der Universität Ulm haben in einem von der Baden-Württemberg Stiftung geförderten Projekt ein innovatives Filterelement für Kopfhörer entwickelt. Damit kann der Träger unterscheiden, ob sich eine externe Schallquelle von…

Partner & Förderer