Molke ersetzt Kunststoff

Die Herstellung von Lebensmittelverpackungen ist aufwendig und teuer. In der Produktion wird deshalb Wert auf effiziente und kostengünstige Verpackungsmaterialen gelegt. Umweltbelastungen durch nicht-recycelbare Kunststoffe werden dabei in Kauf genommen. Doch es geht auch anders.

Im Jahr 2008 setzten sich die Partner des EU-Forschungsprojekts „WHEYLAYER“ die Entwicklung einer ökologischen und leicht recycelbaren Verbundverpackung auf der Basis von Molkeproteinen zum Ziel. Vom 12. bis 18. Mai 2011 wird die Folie auf der Verpackungsfachmesse InterPack in Düsseldorf präsentiert (Stand 8 in Halle ENB).

Um Nahrungsprodukte vor raschem Verderb und Qualitätsverlust zu schützen, ist die Verwendung von Verbundverpackungen aus synthetischen Polymeren üblich. 14 Partner aus sieben Ländern entwickeln im EU-Projekt WHEYLAYER eine recyclingfähige Barriereschicht, die Verpackungsschichten aus Kunststoff ersetzen soll. Unter Nutzung von Molkeproteinen gelang es, herkömmliche und teure Polymere wie Ethylen-Vinylalkohol-Copolymer (EVOH) bei Lebensmittelverpackungen zu ersetzen. Das Biomaterial Molke fällt bei der Käseherstellung als Nebenprodukt an. Durch die Aufbereitung der Molke werden nicht nur Entsorgungskosten gespart, sondern auch eine ganzheitliche Verwertung von Milch erreicht. Der Molkeproteinfilm enthält nicht nur natürliche antimikrobielle und antioxidantive Wirkstoffe, sondern zeichnet sich darüber hinaus durch seine biologische Abbaubarkeit aus.

Das vom 7. Rahmenprogramm (RP7) der EU geförderte Projekt (GA Nr.: 218340) umfasst Unternehmen und Verbände der Verpackungs-, Recycling- und Milchindustrie sowie Forschungseinrichtungen. Das Fraunhofer Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung IVV in Freising ist einer der 14 WHEYLAYER-Projektpartner. Das Institut gewann bei der Verarbeitung der Molkeproteine zunächst reine Proteinisolate. Durch die Modifikation der Molkeproteine und die Entwicklung von Molkeproteinformulierungen mittels chemischer Modifizierungen, enzymatischer Partialhydrolyse bzw. Hochdruckverfahren optimierte das IVV die filmbildenden Eigenschaften der Molkenproteine. Durch Zugabe von Weichmachern und anderen Additiven wurde eine Beschichtung entwickelt, die mechanischen Belastungen standhält und eine hohe Barrierewirkung der Beschichtung erzielt. Eine Coronabehandlung erhöhte die Oberflächenenergie der zu beschichtenden Produkte, wodurch eine optimale Haftung erreicht wurde. In einem Scale-Up beschichtete das Fraunhofer IVV mit einer Lackier- und Kaschieranlage verschiedene konventionelle Substrate im Walzenauftragverfahren. Anschließend wurden die Produkte durch Heißluftkonvektion getrocknet und ausgehärtet (Abb. 1). Die so entstandene, mit Molkeproteinen beschichtete Folie wurde anschließend mit einem konventionellen Kunststoff laminiert, um Verbundverpackungen herzustellen.

Die Universität Pisa prüfte die Recycelbarkeit, biologische Abbaubarkeit, Kompostierbarkeit und Toxizität der WHEYLAYER-Verbundverpackung. Lebensmittelverpackungen bestehen aus mehreren Schichten. Mit dem Einsatz von WHEYLAYER sind die vorher nicht-trennbaren Schichten lös- und deshalb wiederverwertbar. Die Barrierebeschichtung kann rückstandslos vom Substrat entfernt werden. Produziert werden die Proteinfolien beim slowenischen Verpackungshersteller Lajovic Tuba Embalaza, das Design der Prototypen wird vom Projektkoordinator IRIS (Innovacio i Recerca Industrial i Sostenible) festgelegt.

Der Forschungsdienstleister ttz Bremerhaven führte eine Validierung des vom Fraunhofer IVV produzierten WHEYLAYER-Films durch. So wurde die entwickelte Verbundverpackung mit herkömmlichen Materialien verglichen. Das ttz Bremerhaven hat Butterkäseproben in drei unterschiedlichen Folientypen vakuumverpackt: Eine von zwei auf WHEYLAYER basierende Verpackungsfolien enthielt eine antimikrobielle Schicht. Bei der dritten getesteten Folie handelte es sich um eine Referenzverpackung, die ähnliche Eigenschaften wie die WHEYLAYER-Proteinfolie hat und üblicherweise in der Industrie eingesetzt wird.

Die Haltbarkeit des Käses betrug 45 Tage bei einer Lagerung zwischen 8 und 10 °C. 84 Tage lang analysierte das ttz Bremerhaven im einwöchigen Abstand die Produktqualität durch unterschiedliche mikrobiologische, chemische und sensorische Tests. Mikrobiologische Messungen der Produkte in Referenz- beziehungsweise antimikrobiell beschichteter WHEYLAYER-Folie zeigten in Bezug auf das Bakterienwachstum an der Käseoberfläche nach 45 und 84 Tagen keine signifikanten Unterschiede. Aufgrund der massiven Eigenflora von Käseprodukten und der reinen Oberflächenwirkung der antimikrobiellen Schicht ist ein direkter Nachweis schwierig. Die Säurezahl und Peroxidwerte, die Indikatoren für die Ranzigkeit und Oxidation des Produkts sind, wichen kaum voneinander ab. Der antimikrobiell beschichtete WHEYLAYER-Film hatte in diesem Fall keinen direkten Einfluss auf das Testlebensmittel. Mit dem Japanischen Standard Test konnte hingegen ein antimikrobieller Effekt nachgewiesen werden. Die Verbundverpackung mit integrierter Molkeschicht, die als Sauerstoff- und Wasserdampfbarriere dient, steht anderen industriellen Verpackungsmaterialen in seinen Eigenschaften also in nichts nach.

Das ttz Bremerhaven führte zudem eine Sensorikanalyse durch. Sechs geschulte Testpersonen (Panel) mit geprüfter Eignung absolvierten eine Profilierung und einen Dreieckstest. Getestet wurde zum einen frischer Käse, zum anderen fanden mehrere Analysen von Butterkäse statt, der über einen unterschiedlich langen Zeitraum gelagert wurde. Die Tester bewerteten verschiedene Eigenschaften wie das Aussehen, den Geruch, den Geschmack oder das Mundgefühl des Käses auf einer Skala zwischen 0 (nicht vorhanden) und 5 (stark ausgeprägt).

Die Profilierung des Butterkäses nach einer Lagerung von 84 Tagen zeigt, dass die Veränderungen am stärksten das Mundgefühl betreffen. Das Produkt wurde durch seine Nachreifung als cremiger und weich schmelzend empfunden, während sich das gummiartige Gefühl verminderte. Die sensorische Profilierung zeigt, dass der Käse, der in einem antimikrobiell beschichteten WHEYLAYER-Film verpackt war, als weniger sauer und weniger bitter empfunden wurde.

Der WHEYLAYER-Film hat also sowohl mit als auch ohne antimikrobielle Beschichtung keinen signifikanten Einfluss auf die chemischen oder mikrobiologischen Eigenschaften der Testprodukte. Auf WHEYLAYER basierende Verpackungsschichten sind in ihrer Funktion genauso effizient wie konventionelle Verpackungen. Das ttz Bremerhaven wird in Zukunft ähnliche Sensoriktests mit frischen Pastascheiben durchführen. Die Verpackung der Pasta wird auf WHEYLAYER basieren und von einem Antioxidationsmittel umhüllt sein.

Das ttz Bremerhaven ist ein Forschungsdienstleister und betreibt anwendungsbezogene Forschung und Entwicklung. Unter dem Dach des ttz Bremerhaven arbeitet ein internationales Experten-Team in den Bereichen Lebensmittel, Umwelt und Gesundheit.

Kontakt:
Christian Colmer
Leiter Kommunikation und Medien
ttz Bremerhaven
Fischkai 1
D-27572 Bremerhaven (Germany)
Phone: +49 (0)471 48 32 -124
FAX: +49 (0)471 48 32 – 129
ccolmer@ttz-bremerhaven.de

Media Contact

Christian Colmer idw

Weitere Informationen:

http://www.ttz-bremerhaven.de

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie

Der innovations-report bietet im Bereich der "Life Sciences" Berichte und Artikel über Anwendungen und wissenschaftliche Erkenntnisse der modernen Biologie, der Chemie und der Humanmedizin.

Unter anderem finden Sie Wissenswertes aus den Teilbereichen: Bakteriologie, Biochemie, Bionik, Bioinformatik, Biophysik, Biotechnologie, Genetik, Geobotanik, Humanbiologie, Meeresbiologie, Mikrobiologie, Molekularbiologie, Zellbiologie, Zoologie, Bioanorganische Chemie, Mikrochemie und Umweltchemie.

Zurück zur Startseite

Kommentare (0)

Schreib Kommentar

Neueste Beiträge

Durchleuchten im Nanobereich

Physiker der Universität Jena entwickeln einen der kleinsten Röntgendetektoren der Welt Ein Röntgendetektor kann Röntgenstrahlen, die durch einen Körper hin­durchlaufen und nicht von ihm absorbiert werden, aufnehmen und somit ein…

Wer hat das Licht gestohlen?

Selbstinduzierte ultraschnelle Demagnetisierung limitiert die Streuung von weicher Röntgenstrahlung an magnetischen Proben.   Freie-Elektronen-Röntgenlaser erzeugen extrem intensive und ultrakurze Röntgenblitze, mit deren Hilfe Proben auf der Nanometerskala mit nur einem…

Mediterrane Stadtentwicklung und die Folgen des Meeresspiegelanstiegs

Forschende der Uni Kiel entwickeln auf 100 Meter genaue Zukunftsszenarien für Städte in zehn Ländern im Mittelmeerraum. Die Ausdehnung von Städten in niedrig gelegenen Küstengebieten nimmt schneller zu als in…

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies. more information

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close