Keimzellen und Kinderwunsch

Fast fünf Millionen Euro für die zweite Halbzeit: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert die Forschergruppe „Germ Cell Potential“ (Keimzellpotenzial) für weitere drei Jahre. Seit 2008 beschäftigt diese sich mit Fragen zur künstlichen Befruchtung – die wird zwar seit Jahrzehnten weltweit angewandt, doch ist der wissenschaftliche Hintergrund weitgehend unbekannt.

Wissenschaftler aus sechs deutschen Städten arbeiten in der Forschergruppe mit der DFG-Bezeichnung FOR 1041 mit, der Schwerpunkt liegt mit sechs Projekten in Münster; dafür fließen in den nächsten Jahren insgesamt zwei Millionen Euro an das Institut für Humangenetik und das Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie („Männerheilkunde“, Gegenpart der Gynäkologie; kurz: CeRA) der Universität sowie an das Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin (MPI) in Münster.

„Für die künstliche Befruchtung werden seit 30 Jahren Methoden verwendet, die wissenschaftlich kaum untersucht sind“, sagt der Forschergruppen-Sprecher Prof. Dr. Jörg Gromoll vom CeRA: „Viele Firmen verdienen damit gutes Geld. Die möglichen Risiken der derzeit angewendeten Techniken oder Behandlungen für die geborenen Kinder und für die behandelten Paare sind aber derzeit nicht genau bekannt.“ Zwei bis drei Prozent aller Babys werden in Deutschland durch künstliche Befruchtung (ART, für: „assistierte Reproduktion“) gezeugt; der Anteil steigt. Laut Gromoll liegt das vor allem daran, dass der Kinderwunsch immer weiter nach hinten rückt, mit steigendem Alter aber auch das das Risiko wächst, dass es damit nicht klappt.

Die DFG-Forschergruppe „Germ Cell Potential“ untersucht das ganze Spektrum der künstlichen Befruchtung von der Keimzelle bis hin zur Geburt des Kindes. Die Teilprojekte befassen sich mit der Qualität der Eizelle, den genetischen Ursachen der Unfruchtbarkeit, aber auch mit dem Potenzial von Stammzellen, beispielsweise solchen aus dem Hoden, als mögliche Alternative zu Spermien. Auch die Entstehung von Eizellen aus embryonalen Stammzellen ist Forschungsgegenstand. In einer klinischen Langzeitstudie werden über drei Jahre hinweg die möglichen Folgen von Behandlungen im Rahmen einer ART auf den Nachwuchs untersucht.

Dabei verfolgt die Forschungsgruppe ausdrücklich auch strategische und politische Ziele, ergänzt CeRA-Kollege Prof. Dr. Stefan Schlatt: „Wir haben in den ersten drei Jahren erstmals ein deutschlandweites Netzwerk von Wissenschaftlern und Klinikern geschaffen, deren Arbeit die Fortpflanzung bei Mensch und Tier zum Schwerpunkt hat. Politisch haben wir erreicht, dass die Reproduktionsmedizin ab 2011 mit einem eigenen Fachkollegiat in der DFG verankert wird.“ Die münsterschen Projekte werden – neben Gromoll und Schlatt – von Prof. Dr. Hans Schöler (MPI) sowie Prof. Dr. Peter Wieacker und Dr. Frank Tüttelmann (beide: Institut für Humangenetik) betreut.

Inhaltlich fanden die Forscher bisher unter anderem heraus, dass männliche Unfruchtbarkeit stark mit epigenetischen Veränderungen einhergeht – also mit vererbbaren Zelleigenschaften, die nicht über die DNA weitergegeben werden, sondern über Modifikationen von DNA wie beispielsweise Methylierung. Außerdem zeigte sich, dass Forschungsergebnisse von Mäusen in diesem Bereich nicht auf den Menschen übertragbar sind, was ansonsten häufig funktioniert: „Die Hoden-Stammzellen bei Mäusen sehen physiologisch ganz anders aus als bei Affen und Menschen, das macht die Forschung kompliziert.“ Der wissenschaftliche „Ausstoß“ der Forschergruppe umfasst schon jetzt, nach den ersten drei Jahren, 25 Fachpublikationen, viele weitere sind laut Gromoll in Arbeit.

2014 endet die DFG-Förderung; eine Verlängerung über sechs Jahre hinaus ist bei Forschergruppen nur in Ausnahmefällen vorgesehen. Gromolls Überlegungen reichen aber weiter: „Mit zwölf Projekten liegen wir deutlich über den üblichen Forschergruppen“, so der Koordinator: „FOR 1041 spielt in einer Liga mit kleinen Sonderforschungsbereichen. Einen solchen SFB wollen wir in Münster etablieren und damit den bestehenden Forschungsschwerpunkt an der Medizinischen Fakultät der Universität noch weiter stärken.“ Weitere Informationen zu der Forschergruppe bietet die Internetseite http://www.germ-cell-potential.de.

Redaktion: Dr. Thomas Bauer (Telefon: 0251 83-58937; E-Mail: thbauer@uni-muenster.de)

Media Contact

Dr. Christina Heimken idw

Weitere Informationen:

http://www.uni-muenster.de/

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie

Der innovations-report bietet im Bereich der "Life Sciences" Berichte und Artikel über Anwendungen und wissenschaftliche Erkenntnisse der modernen Biologie, der Chemie und der Humanmedizin.

Unter anderem finden Sie Wissenswertes aus den Teilbereichen: Bakteriologie, Biochemie, Bionik, Bioinformatik, Biophysik, Biotechnologie, Genetik, Geobotanik, Humanbiologie, Meeresbiologie, Mikrobiologie, Molekularbiologie, Zellbiologie, Zoologie, Bioanorganische Chemie, Mikrochemie und Umweltchemie.

Zurück zur Startseite

Kommentare (0)

Schreiben Sie einen Kommentar

Neueste Beiträge

Sensorlösung prüft Elektrolythaushalt

Optischer Mikroringsensor zur quantitativen Bestimmung von Elektrolyten. Elektrolyte sind entscheidend für den Wasserhaushalt und die Flüssigkeitsverteilung im menschlichen Organismus. Da sich die geladenen, im Blut gelösten Teilchen in ihrem komplexen…

Individualisierte Fingergelenksimplantate aus dem 3D-Drucker

Mehr Beweglichkeit durch KI: Die Remobilisierung von Fingergelenken, die durch Erkrankungen oder Verletzungen beeinträchtigt sind, ist ein Zukunftsmarkt der bedarfsgerechten Versorgung von Patientinnen und Patienten. Das Konsortium »FingerKIt«, in dem…

Vom Klimagas zum industriellen Rohstoff

Statt CO2 in die Atmosphäre zu entlassen, wo es den Klimawandel weiter antreibt, kann es auch als Rohstoff dienen: Etwa für industriell benötigte Substanzen wie Ameisensäure oder Methanol. Auf Laborebene…

Partner & Förderer