Nicht ohne meine Jause: Zoologe der Uni Graz entlarvte drei Milbenarten als Pilzsporen-Transporter

Milben auf dem Brustabschnitt einer Blutbiene: Foto: Ebermann

Wollte man ihnen menschliche Züge zuschreiben, würde man die Milbenarten "Imparipes apicola", "I. breganti" und "I. haeseleri" als wahre Feinspitze bezeichnen, die sich ziemlich schlau anstellen, um nicht auf ihre Lieblingsspeise verzichten zu müssen. Die Gourmets fressen nämlich nur einen bestimmten Pilz, jede Art ihren eige­nen. Zumindest nehmen das die Forscher an, denn sämtliche Versuche, sie mit anderen bekannten Pilzarten zu füttern, schlugen fehl, berichtet Ao.Univ.-Prof. Dr. Ernst Ebermann von der Arbeitsgruppe Acarologie am Institut für Zoologie der Universität Graz. Die Milben traten in Hungerstreik, mit tödlicher Konsequenz. In freier Natur haben sie eine Lösung für dieses Problem gefunden.

Pilz im Gepäck

Vor etwa vier Jahren entdeckte Ebermann unter dem Mikroskop im Körper der erwähnten Arten Pilzsporen. "Solche als Nahrung zu transportieren ist eine aus verhaltensbiologischer Sicht sehr alte ,Strategie’, verbunden mit einem hohen Grad an Spezialisierung", weiß der Experte. "Bei der von uns untersuchten Milbengruppe war das aber neu." Gemeinsam mit Dr. Manfred Hall widmete er sich eingehend den schildförmigen, achtbeinigen Winzlingen. Nach und nach lüfteten die Forscher deren Geheimnis. "Die Milben nehmen Pilzsporen in ihren Genitaltrakt auf und tragen sie dorthin, wo sie sich niederlassen", erklärt Hall, der das Verhalten in seiner Dissertation beschrieben hat. "Diese Art des Sporentransports ist einzigartig unter den über 45.000 beschriebenen Milben-Spezies."

Blinde Passagiere

Eine Strategie, die eine weitere Überlegung nötig macht: Der Pilz muss in der neuen Umgebung gedeihen. "Die Milbe wählt einen Ort, wo ’ihr’ Pilz optimale klimatische Bedingungen vorfindet", so Ebermann. Bei den untersuchten Arten sind dies Erdnester von Wildbienen oder Bauten von Grabwespen in Holz und anderem Pflanzenmaterial, je nach Spezies. Um ihr Reiseziel zu erreichen, klammert sich die tollkühne Milbe als blinde Passagierin an die Körperborsten ihrer zukünftigen Hausherrin und lässt sich ins neue Heim fliegen. "Dazu wurde sie mit einer vergrößerten Kralle am vorderen Beinpaar ausgestattet", erklärt der Forscher. Im Nest gibt sie die Pilzsporen ab und lässt ihre Speise wachsen.

Frauen-Power

In den Genuss des Fliegens kommen aber nur die Damen. Die Männchen fristen ein recht tristes Dasein. Hall: "Sobald sie eine weibliche Larve gefunden haben, tragen sie die Erwählte huckepack mit sich herum, bis sie schlüpft, begatten sie und sterben." Sie hingegen stärkt sich saugend am Pilz, was ihre Eierstöcke reifen lässt. Mit einer jungen Biene oder Wespe fliegt sie fort und landet irgendwann in einem neuen "Heim". Vorausgesetzt sie hat gut gewählt. Denn nur weibliche Bienen und Wespen schaffen sich ein Zuhause, Männchen besuchen selten ein Nest. Hat also die Milbe aufs falsche Flugzeug gesetzt, heißt es rechtzeitig umsteigen.

Kontakt:
Ao.Univ.-Prof. Dr. Ernst Ebermann
Institut für Zoologie der Universität Graz
Tel. 0043 (0)316/380-5605
E-Mail: ernst.ebermann@uni-graz.at

Ansprechpartner für Medien

Gudrun Pichler idw

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie

Der innovations-report bietet im Bereich der "Life Sciences" Berichte und Artikel über Anwendungen und wissenschaftliche Erkenntnisse der modernen Biologie, der Chemie und der Humanmedizin.

Unter anderem finden Sie Wissenswertes aus den Teilbereichen: Bakteriologie, Biochemie, Bionik, Bioinformatik, Biophysik, Biotechnologie, Genetik, Geobotanik, Humanbiologie, Meeresbiologie, Mikrobiologie, Molekularbiologie, Zellbiologie, Zoologie, Bioanorganische Chemie, Mikrochemie und Umweltchemie.

Zurück zur Startseite

Kommentare (0)

Schreib Kommentar

Neueste Beiträge

Diamanten brauchen Spannung

Diamanten faszinieren – nicht nur als Schmucksteine mit brillanten Farben, sondern auch wegen der extremen Härte des Materials. Wie genau diese besondere Variante des Kohlenstoffs tief in der Erde unter…

Die Entstehung erdähnlicher Planeten unter der Lupe

Innerhalb einer internationalen Zusammenarbeit haben Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Astronomie in Heidelberg ein neues Instrument namens MATISSE eingesetzt, das nun Hinweise auf einen Wirbel am inneren Rand einer planetenbildenden Scheibe…

Getreidelagerung: Naturstoffe wirksamer als chemische Insektizide

Senckenberg-Wissenschaftler Thomas Schmitt hat die Wirksamkeit von Kieselerde und einem parasitischen Pilz als Schutz vor Schadinsekten an Getreide im Vergleich zu einem chemischen Insektizid untersucht. Gemeinsam mit Kollegen aus Pakistan…

Partner & Förderer

Indem Sie die Website weiterhin nutzen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. mehr Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind so eingestellt, dass sie "Cookies zulassen", um Ihnen das bestmögliche Surferlebnis zu bieten. Wenn Sie diese Website weiterhin nutzen, ohne Ihre Cookie-Einstellungen zu ändern, oder wenn Sie unten auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

schließen