Geht es der Miesmuschel gut, freut sich der Mensch

Auswertung eines Versuchbrutsammlers an Bord eines Muschelkutters [Foto: FTM]

Neuer Terramare-Bericht faßt aktuelle Ergebnisse zur nachhaltigen Miesmuschelzucht zusammen


Der jetzt erschienene Band aus der Berichte-Reihe des Forschungszentrums TERRAMARE in Wilhelmshaven widmet sich aktuellen Ergebnissen zur nachhaltigen Miesmuschel-Anzucht in Niedersachsen. Auf 80 Seiten erfährt der Leser Aktuelles rund um die Bewirtschaftung des schmackhaften Schalentiers und über neue Möglichkeiten zu schonendem Umgang mit der Natur.
Unter dem Titel „Nachhaltige Miesmuschel-Anzucht im Niedersächsischen Wattenmeer“ ist jetzt ein neuer Band der Reihe ’Forschungszentrum TERRAMARE – Berichte’ erschienen. Inhaltlicher Schwerpunkt sind aktuelle Ergebnisse und Ansätze zur Aquakultur des schmackhaften Schalentiers in Niedersachsen, als Hintergrundinformation vorangestellt sind die Entwicklungen aus Sicht von Muschelfischerei (M. Gubernator) und Nationalpark (G. Millat).

Herausgegeben hat den 15. Band der Berichte-Reihe des TERRAMARE, zusammen mit dem Forschungszentrum, der Biologe Dr. Uwe Walter. Seit Ende der 90er Jahre hat er in von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt am Wilhelmshavener Forschungszentrum geförderten Projekten untersucht, wie man Muschelbrut verläßlich gewinnen kann – eine Arbeit, die sowohl der Wirtschaftlichkeit des Fischereizweiges als auch Forderungen nach mehr Nachhaltigkeit zugute kommen wird.

Entlang der gesamten Nordseeküste ist die Muschelfischerei ein traditioneller Aquakulturzweig mit Jahreserträgen von etwa 100.000 Tonnen. Man mag sich über den Begriff ’Aquakultur’ wundern, wenn man davon ausgeht, daß deutsche Muschelfischer – vergleichbar ihren dänischen Kollegen – zu Muschelbänken hinausfahren und dort fischen, was die Natur bereithält. Tatsächlich jedoch wird in Deutschland und den Niederlanden überwiegend eine Bodenkultur von Miesmuscheln betrieben: Die bläulichen Schalentiere werden zunächst als Jungtiere von sogenannten Wildbänken aufgefischt. Andernorts ’säen’ die Fischer ihre ’Muschelsaat’ in für deren Aufwuchs günstigen Bereichen wieder aus. In diesen speziell dafür ausgewiesenen, zumeist dauerhaft von Wasser bedeckten Gebieten wachsen die Muscheln auf ein tellerfertiges Maß. Diese Konsumgröße haben sie, nach ein bis zwei Jahren, ab fünf Zentimetern Länge erreicht.

Nicht in jedem Jahr sind ausreichend Jungmuscheln vorhanden – hier liegen Probleme der Prozedur. Voraussetzung für genügend Muschelbrut sind nämlich sogenannte Brutfälle, eine Art konzertierten Absetzens und Aufwachsens von Muschellarven in bestimmten Bereichen des Wattenmeeres. Es handelt sich dabei um ein unregelmäßig eintretendes Ereignis, das zudem nicht immer einen fischereilich interessanten Umfang erreicht. Das wechselhafte natürliche Angebot von Saatmuscheln führt letztendlich zu schwankenden Anlandungsmengen konsumreifer Muscheln, eine unbefriedigende Situation für einen in Niedersachsen mit fünf Kuttern kleinen Wirtschaftszweig. Darüber hinaus sieht sich die seit etwa 100 Jahren kommerziell betriebene Miesmuschelfischerei in Zeiten geringerer Muschelbestände bisweilen zusätzlich Interessenkonflikten mit dem Naturschutz ausgesetzt.

Vor diesem Hintergrund sind Verfahren wünschenswert, die die Situation sowohl für den Bestand der Miesmuschel als auch für die regelmäßige Verfügbarkeit von Saatmuscheln verbessern. Ausgehend von der Beobachtung, daß sich auch in Jahren unzureichender Brutfälle immer wieder dichter Muschelbewuchs im Unterwasserbereich von Küstenbauwerken und Seezeichen (Bojen, Pfähle etc.) findet, untersuchte Uwe Walter daher zunächst, wann Muschellarven im Wasser auftreten. Es zeigte sich, daß Muschellarven ganzjährig nachzuweisen sind, mengenmäßiger Spitzenreiter ist jedoch der Monat Mai mit in der jüngeren Vergangenheit bis zu 52.000 Larven im Kubikmeter Wasser. – Ein nächster Schritt war es herauszufinden, ob sich neuartige Kulturverfahren, wie sie etwa in Irland oder Spanien in strömungsarmen Meeresbuchten erfolgreich eingesetzt werden, deutlich anderen Verhältnissen an der niedersächsischen Nordseeküste anpassen lassen. Basierend auf seinen Untersuchungen experimentierte Walter erfolgreich mit sogenannten Langleinenkonstruktionen: Von einem „Rückgrat“, im einfachsten Falle einer Leine, hängen spezielle, mit hölzernen oder plastikenen Querknebeln oder eingespleißten Leinenbüscheln versehene „Kollektor“-Leinen herab. Walter wies nach, das mit derartigen Kollektoren effektiv Muschelsaat zu gewinnen ist: 210 Testkollektoren erbrachten im Versuchszeitraum über fünf Tonnen Saatmuscheln, die sich von Saatmuscheln traditioneller Herkunft nicht unterschieden.

Inzwischen hat sich der Biologe mit der Firma mytilamar selbständig gemacht. In einer von der EU und dem Land Niedersachsen unterstützten Pilotanlage erproben er und ein heimischer Muschelkulturbetrieb die Produktion und Aussaat großer Saatmuschelmengen von einer speziellen Langleinenkonstruktion.

Einzelheiten lassen sich nachlesen im aktuellen Band 15 aus der Reihe ’Forschungszentrum TERRAMARE – Berichte’. Er trägt den Titel „Nachhaltige Miesmuschel-Anzucht im Niedersächsischen Wattenmeer“ und ist am Forschungszentrum TERRAMARE zum Preis von 7,50 € erhältlich.

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Dr. Sibet Riexinger idw

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