Gähn-Warnung für müde Autofahrer

Ein indisch-amerikanisches Forscherteam arbeitet an einem System, um das Verkehrsrisiko, das von übermüdeten Fahrern ausgeht, zu reduzieren. Dazu wird eine einfache Digitalkamera im Inneren des Autos so montiert, dass sie das Gesicht des Fahrers im Blickfeld hat.

Mithilfe einer speziellen Software werden die Aufnahmen analysiert, um zu erkennen, ob der Fahrer gähnt – denn das ist ein typisches Ermüdungszeichen. Diese Gähn-Erkennung kann dann genutzt werden, um den ermüdenden Fahrer entsprechend zu warnen.

„Es ist sinnvoll, in dieser Richtung Forschung zu betreiben. Aus unserer Sicht ist es für reale Warnsysteme aber wichtig, mehr als nur einen Parameter zu berücksichtigen“, meint Welf Stankowitz, Technikexperte beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR), im Gespräch mit pressetext. Er betont, dass aufgrund von Mercedes-Arbeit bekannt ist, dass beispielsweise vom Spurenassistenzsystem beobachtetes gehäuftes Spurabweichen, abruptes Einlenken oder auffälliges Bremsverhalten als Ermüdungs-Zeichen gedeutet werden können. Erst die Kombination vieler Anzeichen könne ein zuverlässiges System schaffen. „Ein oder zwei Parameter würden nicht ausreichen, was auch an den persönlichen Unterschieden zwischen verschiedenen Fahrern liegt“, betont Stankowitz.

Die aktuelle Forschungsarbeit versucht, das Gähnen als biologischen Warnparameter zu erschließen. In ersten Experimenten haben Mihir Mohanty vom Institute of Technical Education & Research der Siksha 'O' Anusandhan University und Kollegen eine einfache Webcam in einem Fahrzeug montiert. Damit wurde das Gesicht beobachtet und per Software-Analyse der Mundstellung ermittelt, wann die Testperson gähnt. Wie sie in der Erstausgabe des International Journal of Computational Vision and Robotics berichten, konnte ihr Algorithmus für zehn Probanden unterschiedlichen Hauttons, darunter fünf mit Schnauz- oder Vollbart, bei verschiedenen Lichtverhältnissen Gähnen gut von anderen Lippenbewegungen wie Sprechen und Singen unterscheiden. Die Wissenschaftler betonen auch, dass die Gähn-Erkennung Vorteile gegenüber der Messung anderer biologischer Parameter hat. Im Gegensatz zu Ansätzen, welche die Augentätigkeit beobachten, stören auch verdunkelte Sonnenbrillen nicht. Im Gegensatz zu Herztätigkeits- oder Gehirnstrommessungen muss auch keine Ausrüstung am Fahrer befestigt werden.

Seitens des österreichischen Kuratoriums für Verkehrssicherheit http://www.kfv.at wird gegenüber pressetext betont, dass Warnsysteme allenfalls Hilfsmittel sind und den Fahrer nicht aus der eigenen Verantwortung entlassen, auf nötige Pausen zu achten. Damit liegt man auf einer Linie mit dem DVR. „Die Schlafforschung besagt, dass es eigentlich fast schon zu spät ist, wenn äußere Anzeichen der Ermüdung erkenntlich werden“, betont Stankowitz. Denn dann sei es schon so, dass Aufmerksamkeit oder Reaktionsvermögen bereits leiden. „Daher ist unser Tipp, auf das innere Ermüdungsgefühl zu hören und dementsprechend Pausen einzulegen“, so der DVR-Technikexperte. Er betont in diesem Zusammenhang den Wert des Powernapping, also kurzer Schlafpausen von nur 15 bis 30 Minuten Dauer. Das Recht auf Pausen bei subjektivem Ermüdungsgefühl dürfe gerade Berufskraftfahrern auch langfristig nicht durch die Existenz ausgereifter Warnsysteme streitig gemacht werden.

(Die wissenschaftliche Arbeit „A non-rigid motion estimation algorithm for yawn detection in human drivers“ zur Gähn-Erkennung als englisches PDF: http://www.inderscience.com/filter.php?aid=26829)

Media Contact

Thomas Pichler pressetext.deutschland

Weitere Informationen:

http://www.dvr.de http://www.iter.ac.in

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