Der IBA-Ansatz – Stadtteilentwicklung mit Schwächen

Die Lage des Stadtteils Wilhelmsburg hat die Entwicklung in sozialer und wirtschaftlicher Sicht stark beeinflusst.<br>Foto: Wikimedia Commons / NASA (public domain)<br>

Dieser Frage sind Sozialwissenschaftler des Leibniz-Instituts für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) nachgegangen und stellten fest, dass der Ansatz der Internationalen Bauausstellung Schwächen im Detail aufweist. Sie schaffe zwar Raum für neue, kreative Impulse für das lange vernachlässigte Wilhelmsburg, verfestige aber zum Teil die Wahrnehmung der Bewohner von Fremdbestimmung und Exklusion. „Die Lösung wurde so ein Teil des Problems“, erklärt Tobias Schmidt.

Der Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg ist seit mehr als einem Jahrhundert mit vielfältigen sozialen Problemen konfrontiert. Zwischen Hafen, Industrieanlagen, Mülldeponien und großen Verkehrstrassen entwickelte sich Wilhelmsburg zu einem wirtschaftlich, ökologisch und kulturell benachteiligten Viertel: Eine hohe Zahl an Beziehern staatlicher Transferleistungen, Herausforderungen sozialer Vielfalt und interkulturellen Zusammenlebens, sowie die Abnahme von Konsum- und Freizeitinfrastrukturen und eine vernachlässigte Bausubstanz prägten Wilhelmsburg besonders in den letzten Jahrzehnten.

„Dies hatte gravierende Folgen für das Image des Viertels und die Identität der dort lebenden Bewohner“, berichtet Tobias Schmidt. „In der öffentlichen Debatte lässt sich eine Stigmatisierung Wilhelmsburgs feststellen, diese kommunikative Exklusion zementierte die Probleme zusätzlich. Zugleich betrachten sich bürgerschaftlich engagierte Bewohner selbst als ausgegrenzt und marginalisiert, weil ihnen keine Eigenbestimmung zugetraut wird.“ Dies führe dazu, dass sie sich in hohem Maße als verwundbar oder verletzlich ansehen. Das IRS spricht dabei von wahrgenommenen Vulnerabilitäten.

„Der Staat ist mit dem Anspruch, räumliche Disparitäten auszugleichen und Lösungen für soziale Problemlagen zu erwirken, als alleiniger Akteur überfordert“, sagt PD Dr. Gabriela Christmann. Auch eine Stadt wie Hamburg brauche daher Partner, um Lösungsansätze effizient zu verfolgen. Christmann untersuchte, wie sogenannte Raumpioniere in Wilhelmsburg wirken und soziale Transformationen anstoßen. Raumpioniere handeln oft konträr zu bestehenden Images und nutzen sich bietende Gelegenheiten, um eigene Lebensentwürfe umzusetzen und damit Impulse für die Quartiersentwicklung zu geben. Typische Raumpioniere sind Künstler, Freiberufler oder Kleinunternehmer.

„Auch die Internationale Bauausstellung, mit der die Stadt Hamburg für eine neue Vision für Wilhelmsburg eintritt, sehen wir als Raumpionier an“, so Christmann. „Die IBA entwickelt und setzt innovative Projekte eigenständig um, ist aber ein anderer Typus Raumpionier.“ Sie ist unternehmerisch aufgestellt, arbeitet hochprofessionell und mit großen Finanzmitteln und unterscheidet sich in ihrem strategischen Handeln deutlich von zivilgesellschaftlichen oder kleinunternehmerischen Raumpionieren. „Obwohl die IBA, die lokalen Akteure und die Bewohner sehr ähnliche Problemvorstellungen haben, haben sich die Vorstellungen davon, was adäquate Handlungsstrategien sein können, mit der Zeit auseinanderentwickelt“, berichtet Schmidt. Ab 2008 kam es zu einer Distanzierung, 2010 sogar zum Bruch bei einigen Kooperationsbeziehungen zwischen zivilgesellschaftlichen Akteuren und der IBA.

Schmidt und Christmann sehen die Gründe für das teilweise Scheitern des IBA-Ansatzes in den von Exklusion und Fremdbestimmung geprägten Identitäten in Wilhelmsburg. „Aus der Sicht vieler engagierter Bewohner sind einige IBA-Maßnahmen eine Fortsetzung der ‚Beplanung von oben’, sie fühlen sich nicht in die Entwicklung von Innovationen eingebunden und betrachten sich daher noch immer als fremdbestimmt“, so Schmidt. „Es ist ein lange gewachsenes Misstrauen zu beobachten, das nicht als Befindlichkeit abgetan werden sollte. Die lange zurückreichenden Exklusionserfahrungen sind ein Kern der lokalen Vulnerabilitätswahrnehmungen und damit Teil des Problems.“ Angesichts der überregionalen und internationalen Ausrichtung der IBA ist es nicht immer gelungen, an lokale Initiativen anzudocken und die Potenziale vor Ort zu stärken. Dadurch entstanden paradoxe Situationen: Die unterschiedlichen Raumpioniere grenzen sich mitunter voneinander ab, obwohl sie im Grundsatz dieselben Ziele haben. Und die von der IBA eingebrachten Lösungsansätze werden dann teilweise sogar als neue Bedrohung empfunden.

Forschung zu Vulnerabilität und Resilienz am IRS

Von 2010 bis Ende 2012 arbeiten mehrere Abteilungen des IRS am Brückenprojekt „Vulnerabilität und Resilienz in sozio‐räumlicher Perspektive“. Ziel des Forschungsprojekts ist es, die Wahrnehmung und Verarbeitung von Gefahren sowie die Strategien zum Umgang mit diesen Gefahren aus sozial‐ und raumwissenschaftlicher Perspektive zu untersuchen. Dabei werden die vor allem aus der Ökologie und Entwicklungsländerforschung stammenden Begriffe „Vulnerabilität“ (Verwundbarkeit) und „Resilienz“ (Handeln zur Verringerung der Verwundbarkeit) mittels theoretischer und empirischer Forschung neu gefasst. Die untersuchten Kontexte umfassen neben der Arbeitswelt von Musicaldarstellern auch Images von Städten und Regionen (No‐Go‐Areas, Armutsviertel) und den Klimawandel.

Forschung zu Internationalen Bauausstellungen am IRS

Internationale Bauausstellungen waren in den letzten Jahren mehrfach Forschungsgegenstand am IRS. Das Institut verfügt daher über mehrere Experten auf diesem Gebiet, insbesondere zu den Bauausstellungen Emscher Park, Fürst-Pückler Land und Hamburg Wilhelmsburg.

Kontakt

PD Dr. Gabriela B. Christmann
Forschungsabteilung „Kommunikations- und Wissensdynamiken im Raum“
Tel. 03362/793-299
Christmann@irs-net.de
Tobias Schmidt
Forschungsabteilung „Kommunikations- und Wissensdynamiken im Raum“
Tel. 03362/793-236
T.Schmidt@irs-net.de
Jan Zwilling
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel. 03362/793-159
zwilling@irs-net.de

Media Contact

Jan Zwilling idw

Weitere Informationen:

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