Uralte Bewirtschaftungsmethoden als Klimaretter?

Biokohle-Versuchsfeld in der Klimafolgenforschungsstation in Linden-Leihgestern. Foto: Jochen Senkbeil

Bei einer Expedition zum Amazonas wird der Gießener Pflanzenökologe Prof. Dr. Christoph Müller in diesen Tagen untersuchen, wie uralte Bewirtschaftungsmethoden zur dauerhaften Speicherung von Kohlendioxid im Boden führen – und damit heute einen Beitrag zur Rettung des Klimas leisten könnten.

Prof. Müller ist auf Einladung des brasilianischen Landwirtschaftsministeriums vor Ort, um sich mit der sogenannten Terra preta zu beschäftigen, einer tiefschwarzen Bodenart im Regenwald. Es handelt sich um Böden, die durch menschlichen Einfluss und die Ablagerung von Holzkohle, Dung und Kompost vor hunderten von Jahren überaus fruchtbar wurden und bis heute sind – im Gegensatz zu den eher nährstoffarmen Böden des Regenwalds.

„Die aktuellen Arbeiten stehen in direktem Zusammenhang mit unserem aktuellen Schwerpunkt, die Folgen des sich abzeichnenden Klimawandels auf heimische Ökosysteme zu untersuchen“, betont Prof. Müller vom Institut für Pflanzenökologie der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU). Er leitet das vom Land Hessen geförderte LOEWE-Exzellenzprogramm FACE2FACE, mit dem die Auswirkungen von erhöhten atmosphärischen CO2-Konzentrationen untersucht werden, wie sie in Mitteleuropa etwa Mitte des Jahrhunderts erwarten werden.

Ein wichtiger Bestandteil der Forschung sind Langzeitstudien zur Untersuchung von landwirtschaftlichen Bewirtschaftungsmaßnahmen, die eine Kohlenstoffspeicherung und nachhaltige Wirtschaftsweise mit sich bringen. In diesem Zusammenhang läuft seit 2010 auf den Gießener Versuchsflächen ein sogenanntes Biokohle-Experiment, bei dem Holzkohle mit einer speziellen Methodik zusammen mit Gülle aufgebracht wurde.

„Die so genannte Biokohle-Applikation ist die derzeit effektivste Methode, um Kohlenstoff in Form von CO2 der Atmosphäre zu entziehen und in einer dauerhaften Form im Boden zu speichern. Damit ist sie ein wichtiger Mosaikstein im Kampf gegen den Klimawandel“, betont Müller und ist sich darin mit Prof. Dr. Claudia Kammann von der Hochschule Geisenheim einig. Sie hatte die Methode in Gießen mit entwickelt.

In mitteleuropäischen Breiten existiert zwar keine Terra preta, aber mit Holzkohle angereicherte Böden: Vor mehr als 2000 Jahren wurden durch die Kelten Meiler betrieben, um Holzkohle herzustellen. Besonders im Siegerland existieren alte Meilerflächen, wo gesichert vor langer Zeit Holzkohle hergestellt und somit auch in den Boden eingebracht wurde. Laut Müller sind diese Meilerböden mit den Terra preta Böden am ehesten vergleichbar, wurden allerdings im Gegensatz zum Amazonasgebiet nicht landwirtschaftlich genutzt.

So will der Wissenschaftler zunächst mit an der JLU entwickelten Methoden zur Untersuchung von Nährstoffkreisläufen in Ökosystemen die über Jahrhunderte langsam aufgebaute organische Substanz der tiefschwarzen Terra preta, deren mikrobielle Umsatzprozesse sowie die Freisetzung von pflanzenverfügbaren Nährstoffen untersuchen.

Die Untersuchung der Meilerböden soll sich an die Amazonasstudien anschließen, um den Langzeiteffekt von Kohle auf unsere Böden zu untersuchen, was mit den aktuellen, wenige Jahre alten Feldstudien in Gießen nicht möglich ist. „Die Terra preta ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie selbst uralte Verfahren uns heute bei der Lösung aktueller Problemen helfen können“, betont Müller.

Kontakt:

Prof. Dr. Christoph Müller, PhD.
Institut für Pflanzenökologie (IFZ),
E-Mail: Pflanzenoekologie@bot2.bio.uni-giessen.de
Telefon: 0641 99-35301

https://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb08/Inst/pflanzenoek/forschungseinrichtungen…

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Lisa Dittrich idw - Informationsdienst Wissenschaft

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