Land- und Ernährungswirtschaft schaffen Meinungsumschwung

Ein halbes Jahr nach dem ersten BSE-Fall in Deutschland zog der Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), Gerd Sonnleitner, auf einem Kongress in Berlin eine Zwischenbilanz der BSE-Bekämpfung. Wirtschaft und Politik hätten seitdem zahlreiche Maßnahmen ergriffen, so zum Beispiel ein vollständiges Tiermehlverfütterungsverbot, die Durchführung von mittlerweile fast einer Million BSE-Tests und das Verbrennen von Risikomaterial. Die Wirtschaft selbst baue eine Qualitätssicherung für Fleisch über die gesamte Kette der Lebensmittelerzeugung auf. Diese „gläserne Produktion“ basiere auf Dokumentation, Eigen-Kontrolle, neutraler und staatlicher Kontrolle. Wichtige Bestandteile dieser „gläsernen Produktion“ sei für die Bauern auch, dass die Fütterung und der Tierschutz weiterentwickelt werde. Damit werde die „Wende“ in der Fleischproduktion – um im Bild der politischen Diskussion zu bleiben – im wesentlichen von der Landwirtschaft selbst und den vor- und nachgelagerten Stufen geleistet, stellte Sonnleitner fest.

Die ergriffenen Maßnahmen hätten beim Verbraucher heute wieder Vertrauen in die Qualität des Rindfleisches geschaffen. Rindfleisch stände wieder auf der Speisekarte und werde mit mehr Genuss gegessen. Der Verzehr liege bei 80 Prozent im Vergleich zum Vorjahr; Nachholbedarf gebe es in Kantinen und bei der Verarbeitung.

Der politisch-wissenschaftliche Kongress in Berlin wurde vom Zentralausschuss der deutschen Landwirtschaft organisiert, dem der DBV, die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft (DLG), der Deutsche Raiffeisenverband und der Verband der Landwirtschaftskammern angehören. Auf dem Kongress wurden die noch ungelösten Probleme bei der Bekämpfung von Tierseuchen wie MKS thematisiert. International anerkannte Wissenschaftler und Agrarpolitiker aus England, den Niederlanden und Deutschland diskutieren vor rund 250 Kongressteilnehmern effektive Bekämpfungsmethoden und den politischen Handlungsbedarf.

„Wir führen die Entscheidungsträger zusammen, um mehr Gleichklang in der Beantwortung offener wissenschaftlicher und politischer Fragen zur BSE- und MKS-Bekämpfung zu erreichen“, erklärte Sonnleitner zu Beginn des Kongresses. Er verwies auf die durch BSE und MKS ausgelösten agrarpolitischen und gesellschaftspolitischen Diskussionen der vergangenen Monate.

Als ungelöstes wissenschaftliches Problem bei BSE bezeichnete der DBV-Präsident fehlende Erkenntnisse über Infektionsursachen und Verbreitungswege im Tier. Wissenschaftlich bewiesen sei, dass BSE eine Einzeltier-Erkrankung ist. Der DBV unterstütze auch die von EU-Kommission und Agrarrat beschlossene Verlängerung des EU-weiten Tiermehlverbots. „Jedes Futtermittelrisiko muss ausgeschlossen werden“, betonte Sonnleitner. Bevor Fleisch-Knochenmehl wieder an Allesfresser wie Schweine und Hühner verfüttert werden könne, seien euro

paweit Verfahren zu entwickeln, die eine generelle Drucksterilisation sicherstellten und eine Verschleppung ins Wiederkäuerfutter unmöglich machten.

Sonnleitner gegrüßte die jetzt in der EU eröffnete Möglichkeit, von der Bestandskeulung abzugehen. Ziel sei die Einzeltiertötung. Scharfe Kritik äußerte er daran, dass sich Bund und Länder noch immer nicht auf die Finanzierung der BSE-Bekämpfungskosten geeinigt hätten und die Rinderhalter und Futtermittelwirtschaft auf den hohen Kosten sitzen ließen. Seit Dezember 2000 stritten sich Bund und Länder über die Finanzierung dieser ca. 1,2 Milliarden D-Mark pro Jahr. Sie entfielen vor allem auf BSE-Tests und die Vernichtung des gelagerten Tiermehls.

Von der Maul- und Klauenseuche sei Deutschland dank akribischer und konsequenter seuchenhygienischer Vorsorgemaßnahmen der Bauern sowie auf Grund funktionierender Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Kommunen verschont geblieben. MKS sei jedoch angesichts weltweit üblicher Geschäfts- und Urlaubsreisen eine lauernde Gefahr. Mit den derzeitigen mittelalterlich anmutenden Methoden der Tierseuchenbekämpfung hätten Bauern und Verbraucher gleichermaßen ethische Probleme, von den fatalen wirtschaftlichen Folgen ganz zu schweigen. Die Zeit für eine Abkehr von der Nicht-Impfpolitik in der Seuchenbekämpfung der EU sei deshalb gekommen. Der Berufsstand erwarte von dem Berliner Kongress ernsthafte Denkanstöße für Wissenschaft, Politik und Praxis.

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