Schimmelpilze im Getreide als Folge des nassen Sommers

Stark mit Fusarium befallene Weizenkörner (unten) im Vergleich zu unbefallenem Weizen. Kontaminierte Körner sind meist kleiner, grau/rosa verfärbt und sehen schrumpelig aus. (Foto: FAL)

Die vielen Regenfälle der Sommermonate haben nicht nur Flüsse über die Ufer treten lassen, sondern auch Felder weiträumig unter Wasser gesetzt und das Getreide zu Boden gedrückt. Als Folge befürchten Wissenschaftler nun ein erhöhtes Auftreten von Fusarium-Pilzen, die bei feucht-warmen Bedingungen ideal gedeihen. Die Pilze mindern nicht nur den Ertrag, sondern können durch die Bildung von Mykotoxinen (Pilzgiften) zu erheblichen Qualitätsminderungen führen.

Besonders Futtergetreide steht im Blickpunkt der Forscher: „Schweine reagieren sehr empfindlich auf die von Fusarien gebildeten Gifte Deoxynivalenol und Zearalenon“, erklärt Professor Gerhard Flachowsky, Präsident der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft (FAL) in Braunschweig und Leiter des dortigen Instituts für Tierernährung. Deoxynivalenol führt schon in relativ geringen Konzentrationen zu einem Rückgang im Futterverzehr und zu verzögertem Wachstum. Das östrogen-ähnliche Zearalenon kann bei Sauen zu Fruchtbarkeitsstörungen und zum Abort der Ferkel führen. Rinder und Hühner, deren Rationen ebenfalls Getreide enthalten, sind weniger empfindlich.

Beruhigend aus Verbrauchersicht ist, dass das Fleisch von Tieren, die mit fusariumhaltigem Getreide gemästet wurden, kaum mit Mykotoxinen belastet ist. Das haben Versuche der FAL und der Bundesanstalt für Fleischforschung (BAFF) in Kulmbach ergeben. Die Gifte werden im Körper der Tiere abgebaut. Allerdings können Menschen die Toxine durch getreidehaltige Lebensmittel wie Brot oder Nudeln direkt aufnehmen. Derzeit werden die diesjährigen Getreidechargen an der Bundesanstalt für Getreide-, Kartoffel- und Fettforschung (BAGKF) in Detmold auf ihren Mykotoxingehalt analysiert. Ergebnisse sind Ende September zu erwarten. Im Rahmen der so genannten „Besonderen Ernteermittlung“ untersucht die BAGKF jedes Jahr Proben der Weizen- und Roggenernte aus allen Teilen Deutschlands auf Schadstoffe und Mykotoxine. Laut Auskunft des Detmolder Mykotoxin-Experten Dr. Joachim Wolff ist es vor allem das Wetter zur Zeit der Ährenblüte, das über die Höhe der Infektion entscheidet. Ungünstige Bedingungen in der Erntephase können die Mykotoxin-Situation verschärfen. Vor einer Vermahlung zu Mehl wird mykotoxinhaltiges Kornmaterial ausgereinigt.

Die Bekämpfung von Fusarien mit Pflanzenschutzmitteln ist schwierig, da die Pilze nur im frühen Stadium – wenn sie die blühenden Ähren befallen – empfindlich sind. „Eine Behandlung muss rechtzeitig erfolgen“, weiß Dr. Bernd Rodemann von der Biologischen Bundesanstalt (BBA) in Braunschweig. „Wenn der Pilzbefall sichtbar wird, ist es schon zu spät.“ Der Landwirt muss daher schon in der Blühphase des Getreides entscheiden, ob er Fungizide spritzt und in dieser Zeit besonders das Wetter im Auge behalten.

„Unsere Wissenschaftler sind in der Mykotoxin-Forschung außerordentlich stark engagiert“, resümiert Dr. Michael Welling vom Senat der Bundesforschungsanstalten, dem Zusammenschluss der Forschungseinrichtungen des Verbraucherschutzministeriums. „Das geht von der Züchtungsforschung mit dem Ziel resistenter Getreidelinien über den Pflanzenschutz bis hin zur Analytik in Nahrungsmitteln und der Erarbeitung von Richtwerten.“

Orientierungswerte zur Belastungssituation der Futterrationen von Schwein und Rind basieren auf Untersuchungsergebnissen aus den Bundesforschungsanstalten und anderen Forschungseinrichtungen. So sollte das Futter von Rindern nicht mehr als 5 mg/kg und das von Schweinen nicht mehr als 1 mg/kg Deoxyinivalenol aufweisen. Der Lebensmittelbereich soll durch die geänderte Mykotoxin-Höchstmengenverordnung geregelt werden. Danach dürfen in Speisegetreide, Mehl und Teigwaren (z. B. Nudeln) nur maximal 0,5 mg/kg Deoxyinivalenol enthalten sein, in Brot und Backwaren 0,35 mg.

Seit 1979 diskutieren Mykotoxin-Forscher ihre neuesten Erkenntnisse jedes Jahr auf einem eigenen Workshop, der ursprünglich von Wissenschaftlern der Bundesforschungsanstalten initiiert wurde. Mittlerweile wird der Mykotoxin-Workshop regelmäßig von 150 bis 200 Experten besucht und findet weit über die Grenzen Deutschlands hinaus Beachtung.


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