Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wohlstand durch Entrepreneurship

19.08.2008
Auch im Schwellenland Indien ist Selbstständigkeit mehr als eine Notlösung

Berufliche Selbstständigkeit und Unternehmensgründungen sind in westlichen Industrieländern ein viel studiertes Phänomen. Entrepreneurship gilt längst als zentrale Quelle für wirtschaftliches Wachstum. Wer aber entscheidet sich in Entwicklungsländern für die Selbstständigkeit? Jagannadha Pawan Tamvada, Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena, hat erstmals für Indien - eines der großen Schwellenländer Asiens - umfangreiche Datensätze mit Hilfe neuer ökonometrischer Verfahren analysiert und große regionale Unterschiede gefunden. Sein Fazit: Natürlich gibt es vor allem in armen Regionen Kleinstunternehmer aus wirtschaftlicher Not, aber Selbstständigkeit ist für viele Menschen weit mehr als eine reine Notlösung. So sind Selbstständige in urbanen Regionen Indiens nicht schlechter gestellt als etwa Angestellte, vielen geht es wirtschaftlich sogar bedeutend besser.


Wahrscheinlichkeit für Selbstständigkeit in indischen Regionen. Bild: Tamvada


Größe von Neugründungen in Indien (basierend auf Anzahl der Beschäftigten). Bild: Tamvada

Tamvada analysierte die Daten von 90 000 Personen im Erwerbsalter (15 bis 70 Jahre) sowie von 150 000 Firmenneugründungen. Bei der Untersuchung der Altersstruktur und des Geschlechteranteils zeigten sich die aus den Industrieländern bekannten Tendenzen: Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit für Selbstständigkeit, und mehr Männer als Frauen sind selbstständig. Bei der Bildung ist der Zusammenhang vielschichtiger: Je höher der Bildungsgrad, desto wahrscheinlicher wird eine Selbstständigkeit - allerdings mit einer Ausnahme: den Universitätsabsolventen. "Akademiker haben eine größere Auswahl möglicher Arbeitsstellen und können auch in Angestelltenverhältnissen teilweise sehr hohe Gehälter erzielen. Sie wählen daher offenbar seltener den Weg in die Selbstständigkeit", erklärt Tamvada den Befund.

Insgesamt ergaben sich in der Studie deutliche regionale Unterschiede: In den beiden ärmsten Regionen des Landes (Bihar und Uttar Pradesh) ist die Wahrscheinlichkeit am höchsten, selbstständig zu arbeiten (Abb. 1). Dabei gilt: Je ärmer die Region ist, desto höher ist zwar der Anteil beruflich Selbstständiger, aber desto kleiner sind auch die Unternehmen, die dort neu in den Markt eintreten (Abb. 2). Verglichen mit wirtschaftlich stärkeren Regionen arbeiten Selbständige hier öfter im Bereich der Landwirtschaft, aber seltener im verarbeitenden Gewerbe.

Die Frage, die den jungen Wissenschaftler umtrieb, war nun, ob Selbstständigkeit in Indien mehr sein kann als lediglich eine Folge wirtschaftlicher Not. Tamvada wertete daher die Konsumausgaben von 26 500 Haushalten als Indikator für ihren Wohlstand aus. Dabei ergab sich eine aufschlussreiche Hierarchie: "Am größten war der Wohlstand bei Selbstständigen mit Mitarbeitern. Es folgten Angestellte, Selbstständige ohne Mitarbeiter und schließlich Gelegenheitsarbeiter", fasst der Max-Planck-Forscher zusammen. Der Wohlstand von Selbstständigen ohne Mitarbeiter lag dabei nur geringfügig unter dem der Angestellten - und nach der Differenzierung in ländliche und urbane Regionen schloss sich in urbanen Regionen die Wohlstandslücke zwischen beiden Gruppen.

Entrepreneurship ist also auch in urbanen indischen Regionen eine vielversprechende wirtschaftliche Option. Selbstständige finden sich dabei in allen Kategorien - vom Rikscha-Fahrer bis zum Firmengründer. Menschen mit Führerschein bieten sich Firmen oder Hospitälern als Fahrer an; Lehrer unterrichten Kinder wohlhabender Familien in deren Wohnung oder gründen eigene Schulen. "Die meisten Selbstständigen finden sich aber im Handel und im Handwerk", so Tamvada.

Wenn berufliche Selbstständigkeit tatsächlich eine Möglichkeit ist, die eigene wirtschaftliche Situation zu verbessern, was bestärkt oder hindert Menschen dann aber daran, unternehmerisch tätig zu werden? Eine bislang kaum untersuchte Determinante ist die Religion. Gemeinsam mit seinen Jenaer Kollegen David B. Audretsch und Werner Bönte hat Tamvada die Frage untersucht, wie sich in Indien ein bestimmter Glaube bzw. die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion auf die Wahrscheinlichkeit auswirkt, beruflich selbständig zu werden.

Datenbasis hierfür waren wiederum die oben genannten 90 000 Erwerbspersonen in Indien. Hindus sind demnach in Indien insgesamt signifikant seltener selbstständig tätig als etwa Christen oder Moslems. "Der Einfluss des Hinduismus und des ihm immanenten Kastensystems auf das tägliche Leben und die soziale Stellung des Einzelnen ist enorm, auch wenn es "Unberührbare" laut Gesetz nicht mehr gibt", sagt Tamvada über sein Heimatland. Das belegt auch die Studie. So machen sich Angehörige der unteren Kasten seltener selbstständig als Angehörige höherer Kasten.

Für seine Dissertation "Essays on Entrepreneurship and Economic Development" an der Universität Göttingen (Betreuer: Prof. Klasen , Prof. Audretsch) wurde Jagannadha Pawan Tamvada mit dem Dissertationspreis 2007/2008 der Danish Research Unit for Industrial Dynamics (DRUID) ausgezeichnet. Tamavada (Jg. 1980) studierte Mathematik an der Sri Sathya Sai Universität (Indien). Seit April 2004 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena.

[StS/CB]

Originalveröffentlichung:

Jagannadha Pawan Tamvada
Essays on Entrepreneurship and Economic Development
Dissertation Universität Göttingen

Dr. Christina Beck | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht WSI-Tarifarchiv: Tariflöhne und -gehälter 2016: Reale Steigerungen von 1,9 Prozent
05.01.2017 | Hans-Böckler-Stiftung

nachricht IAB-Arbeitsmarktbarometer: Trotz leichtem Rückgang positiver Ausblick auf 2017
29.12.2016 | Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit solaren Gebäudehüllen Architektur gestalten

Solarthermie ist in der breiten Öffentlichkeit derzeit durch dunkelblaue, rechteckige Kollektoren auf Hausdächern besetzt. Für ästhetisch hochwertige Architektur werden Technologien benötigt, die dem Architekten mehr Gestaltungsspielraum für Niedrigst- und Plusenergiegebäude geben. Im Projekt »ArKol« entwickeln Forscher des Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern aktuell zwei Fassadenkollektoren für solare Wärmeerzeugung, die ein hohes Maß an Designflexibilität erlauben: einen Streifenkollektor für opake sowie eine solarthermische Jalousie für transparente Fassadenanteile. Der aktuelle Stand der beiden Entwicklungen wird auf der BAU 2017 vorgestellt.

Im Projekt »ArKol – Entwicklung von architektonisch hoch integrierten Fassadekollektoren mit Heat Pipes« entwickelt das Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern...

Im Focus: Designing Architecture with Solar Building Envelopes

Among the general public, solar thermal energy is currently associated with dark blue, rectangular collectors on building roofs. Technologies are needed for aesthetically high quality architecture which offer the architect more room for manoeuvre when it comes to low- and plus-energy buildings. With the “ArKol” project, researchers at Fraunhofer ISE together with partners are currently developing two façade collectors for solar thermal energy generation, which permit a high degree of design flexibility: a strip collector for opaque façade sections and a solar thermal blind for transparent sections. The current state of the two developments will be presented at the BAU 2017 trade fair.

As part of the “ArKol – development of architecturally highly integrated façade collectors with heat pipes” project, Fraunhofer ISE together with its partners...

Im Focus: Mit Bindfaden und Schere - die Chromosomenverteilung in der Meiose

Was einmal fest verbunden war sollte nicht getrennt werden? Nicht so in der Meiose, der Zellteilung in der Gameten, Spermien und Eizellen entstehen. Am Anfang der Meiose hält der ringförmige Proteinkomplex Kohäsin die Chromosomenstränge, auf denen die Bauanleitung des Körpers gespeichert ist, zusammen wie ein Bindfaden. Damit am Ende jede Eizelle und jedes Spermium nur einen Chromosomensatz erhält, müssen die Bindfäden aufgeschnitten werden. Forscher vom Max-Planck-Institut für Biochemie zeigen in der Bäckerhefe wie ein auch im Menschen vorkommendes Kinase-Enzym das Aufschneiden der Kohäsinringe kontrolliert und mit dem Austritt aus der Meiose und der Gametenbildung koordiniert.

Warum sehen Kinder eigentlich ihren Eltern ähnlich? Die meisten Zellen unseres Körpers sind diploid, d.h. sie besitzen zwei Kopien von jedem Chromosom – eine...

Im Focus: Der Klang des Ozeans

Umfassende Langzeitstudie zur Geräuschkulisse im Südpolarmeer veröffentlicht

Fast drei Jahre lang haben AWI-Wissenschaftler mit Unterwasser-Mikrofonen in das Südpolarmeer hineingehorcht und einen „Chor“ aus Walen und Robben vernommen....

Im Focus: Wie man eine 80t schwere Betonschale aufbläst

An der TU Wien wurde eine Alternative zu teuren und aufwendigen Schalungen für Kuppelbauten entwickelt, die nun in einem Testbauwerk für die ÖBB-Infrastruktur umgesetzt wird.

Die Schalung für Kuppelbauten aus Beton ist normalerweise aufwändig und teuer. Eine mögliche kostengünstige und ressourcenschonende Alternative bietet die an...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aquakulturen und Fangquoten – was hilft gegen Überfischung?

16.01.2017 | Veranstaltungen

14. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

12.01.2017 | Veranstaltungen

Leipziger Biogas-Fachgespräch lädt zum "Branchengespräch Biogas2020+" nach Nossen

11.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltweit erste Solarstraße in Frankreich eingeweiht

16.01.2017 | Energie und Elektrotechnik

Proteinforschung: Der Computer als Mikroskop

16.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Vermeintlich junger Stern entpuppt sich als galaktischer Greis

16.01.2017 | Physik Astronomie