Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Der Weg zum Wohlstand kann schnell in eine Sackgasse führen

11.02.2009
Schwellen- und Entwicklungsländer wachsen rasant - konkrete Nachhaltigkeitskonzepte gibt es dagegen kaum / Öko-Institut sieht dringenden Forschungsbedarf

Wer in Indien oder Brasilien Dinge des täglichen Bedarfs kaufen möchte, der kann das Angebot auf dem Tages- oder Wochenmarkt vor Ort prüfen - oder zur Konkurrenz gehen. Denn internationale Supermarktketten eröffnen immer neue Filialen und suchen den Zugang zu weiteren Konsumentengruppen.

Ermöglicht wird dieser durch das rasante Wachstum zahlreicher Schwellen- und Entwicklungsländer - nach Angaben der Weltbank betrug deren Anteil an der Weltwirtschaft im Jahr 2006 bereits 41 Prozent. Zweifelsohne bietet die Globalisierung ärmeren Bevölkerungsteilen erhebliche Chancen. Doch sie führt auch zu gravierenden ökologischen und sozialen Problemen, wie das Beispiel der sich ausbreitenden Supermarktketten in Indien und Brasilien zeigt.

"Einerseits gehen dadurch Arbeitsplätze verloren. Andererseits bekommt die lokale und oft kleinteilige landwirtschaftliche Struktur enorme Konkurrenz durch großskalige Anbausysteme", erläutert Katharina Schmitt, Expertin für Unternehmensverantwortung am Öko-Institut. "Denn kleine Kooperativen und Produzentenfamilien sind kaum in der Lage, die geforderten Warenstandards und Liefermengen der westlichen Supermärkte zu erfüllen." Kritisch stellt die Wissenschaftlerin fest: "Es gibt einen Automatismus, mit dem sich westliche Geschäftsmodelle und Vermarktungsstrukturen in Schwellen- und Entwicklungsländern etablieren. Dabei ist es zweifelhaft, ob diese häufig großindustriellen Modelle wirklich geeignet sind, die Bedürfnisse der Menschen vor Ort zu stillen."

Zwar bekennen sich Politik, Wirtschaft und Wissenschaft im Grundsatz zu der Notwendigkeit, solchen negativen Entwicklungen entgegen zu wirken und Wachstum weltweit nachhaltig gestalten zu müssen. Doch konkrete Strategien sind bisher Mangelware. "Die Debatte steht erst am Anfang und wird nur auf einem sehr allgemeinen Niveau geführt", mahnt Andreas Manhart, Experte für globale Wertschöpfungsketten am Öko-Institut. "Das muss sich dringend ändern", fordert er. Wie groß der Bedarf ist, die Nachhaltigkeitsforschung auszuweiten, zeigt eine aktuelle Studie des Öko-Instituts. Im Auftrag der Stiftung Zukunftserbe haben die WissenschaftlerInnen ausgewählte Phänomene der Globalisierung in China, Brasilien, Indien und Westafrika auf Basis früherer Studien des Öko-Instituts unter die Lupe genommen. Zwei weitere Beispiele:

Die Verlagerung von Produktionsketten

Die Fertigung zahlreicher Konsumgüter wird komplexer und Teile der Herstellung werden zunehmend in Niedriglohnländer verlagert, um Kosten zu sparen. Umwelt- und Sozialstandards sind dort jedoch meist wenig anspruchsvoll und Verstöße gegen internationale Abkommen und nationales Arbeitsrecht kommen häufig vor. Zwar gibt es mit dem Fairtrade-Label ein Konzept, das mit festgelegten Handelskriterien die Lebens- und Arbeitsbedingungen von benachteiligten Produzenten in Afrika, Asien und Lateinamerika verbessern möchte. "Doch auf Produkte, die - wie ein Computer - aus mehr als 2000 Einzelteilen bestehen, lässt sich dieses Konzept bisher nur schwer oder gar nicht anwenden", erläutert Andreas Manhart. "Wir müssen es also so weiter entwickeln, dass auch komplexe Waren glaubwürdig in den fairen Handel einbezogen werden können."

Gebrauchtwaren- und Abfallströme

Der Export von gebrauchten Waren wie zum Beispiel von Elektrogeräten und Altautos in Schwellen- und Entwicklungsländer boomt. So werden jährlich rund 220.000 gebrauchte Autos allein aus Deutschland nach Westafrika exportiert und wecken bei Menschen dort die Hoffnung, mobiler zu werden. Ein mehr als berechtigtes Interesse. Aber ist dieses Mobilitätskonzept überhaupt sinnvoll? "Wir legen dafür die Grundlagen, ohne die Folgen zu hinterfragen", kritisiert Dr. Hartmut Stahl, Experte für Ressourceneffizienz am Öko-Institut. Denn zu den bekannten negativen Folgen des individuellen Personenverkehrs kommt noch ein weiteres Problem hinzu: Wertvolle Edelmetalle und andere Rohstoffe gehen verloren, weil die Altautos an ihrem Lebensende in Westafrika nicht systematisch verwertet werden. "Es gibt dafür bisher keine Infrastruktur", erläutert Dr. Hartmut Stahl.

Dabei ist das Recycling von Platin, Palladium und Rhodium zehn bis hundert Mal umweltfreundlicher und wesentlich kostengünstiger als deren Primärgewinnung, wie das Öko-Institut in einer früheren Studie nachgewiesen hat. "Wir stehen also vor der Herausforderung, Gebrauchtwarenströme so zu gestalten, dass sie Schwellen- und Entwicklungsländer nicht einseitig belasten", bringt es Dr. Hartmut Stahl auf den Punkt. "Hier fehlt es bisher an konkreten Lösungen für eine nachhaltige Mobilität, die Fragen der Ressourceneffizienz berücksichtigen und die die bekannten Probleme durch den motorisierten Individualverkehr vermeiden."

"Diese Beispiele verdeutlichen, dass wir die internationale Nachhaltigkeitsdebatte viel konkreter führen müssen als bisher", fordert Andreas Manhart. "Es besteht dringender Handlungs- und Forschungsbedarf. Wir müssen schlüssige Konzepte entwickeln auf Basis von fallspezifischen Untersuchungen und in Kooperation mit den betroffenen Ländern. Strategien, die lediglich allgemein formuliert sind, bringen uns dagegen nicht ans Ziel."

Die Studie "Emerging Economies - New challenges for international co-operation and development" können Sie hier kostenlos aus dem Internet herunterladen: http://www.oeko.de/oekodoc/807/2008-252-en.pdf.

AnsprechpartnerIn:

Andreas Manhart, Öko-Institut e.V., Geschäftsstelle Freiburg, Institutsbereich Produkte & Stoffströme, Telefon 089/12590077, a.manhart(at)oeko.de

Katharina Schmitt, Öko-Institut e.V., Büro Berlin, Institutsbereich Umweltrecht & Governance, Telefon 030/280 486-89, k.schmitt(at)oeko.de

Die Stiftung Zukunftserbe versteht sich als "Vordenkerin" zukunftsorientierter Lösungen und will gesellschaftliche Innovationen ankurbeln, die sich mit den strukturellen Problemen des 21. Jahrhunderts befassen. Vorrangige Ziele sind dabei die Förderung von Umweltschutz und einer nachhaltigen, zukunftsverträglichen Entwicklung. Die Stiftung Zukunftserbe wurde im Jahr 2000 vom Öko-Institut gegründet. http://www.zukunftserbe.de

Das Öko-Institut ist eines der europaweit führenden, unabhängigen Forschungs- und Beratungsinstitute für eine nachhaltige Zukunft. Seit der Gründung im Jahr 1977 erarbeitet das Institut Grundlagen und Strategien, wie die Vision einer nachhaltigen Entwicklung global, national und lokal umgesetzt werden kann. Das Institut ist an den Standorten Freiburg, Darmstadt und Berlin vertreten.

Christiane Rathmann | idw
Weitere Informationen:
http://www.oeko.de
http://www.oeko.de/oekodoc/807/2008-252-en.pdf
http://www.zukunftserbe.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht WSI-Tarifarchiv: Tariflöhne und -gehälter 2016: Reale Steigerungen von 1,9 Prozent
05.01.2017 | Hans-Böckler-Stiftung

nachricht IAB-Arbeitsmarktbarometer: Trotz leichtem Rückgang positiver Ausblick auf 2017
29.12.2016 | Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Interfacial Superconductivity: Magnetic and superconducting order revealed simultaneously

Researchers from the University of Hamburg in Germany, in collaboration with colleagues from the University of Aarhus in Denmark, have synthesized a new superconducting material by growing a few layers of an antiferromagnetic transition-metal chalcogenide on a bismuth-based topological insulator, both being non-superconducting materials.

While superconductivity and magnetism are generally believed to be mutually exclusive, surprisingly, in this new material, superconducting correlations...

Im Focus: Erforschung von Elementarteilchen in Materialien

Laseranregung von Semimetallen ermöglicht die Erzeugung neuartiger Quasiteilchen in Festkörpersystemen sowie ultraschnelle Schaltung zwischen verschiedenen Zuständen.

Die Untersuchung der Eigenschaften fundamentaler Teilchen in Festkörpersystemen ist ein vielversprechender Ansatz für die Quantenfeldtheorie. Quasiteilchen...

Im Focus: Studying fundamental particles in materials

Laser-driving of semimetals allows creating novel quasiparticle states within condensed matter systems and switching between different states on ultrafast time scales

Studying properties of fundamental particles in condensed matter systems is a promising approach to quantum field theory. Quasiparticles offer the opportunity...

Im Focus: Mit solaren Gebäudehüllen Architektur gestalten

Solarthermie ist in der breiten Öffentlichkeit derzeit durch dunkelblaue, rechteckige Kollektoren auf Hausdächern besetzt. Für ästhetisch hochwertige Architektur werden Technologien benötigt, die dem Architekten mehr Gestaltungsspielraum für Niedrigst- und Plusenergiegebäude geben. Im Projekt »ArKol« entwickeln Forscher des Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern aktuell zwei Fassadenkollektoren für solare Wärmeerzeugung, die ein hohes Maß an Designflexibilität erlauben: einen Streifenkollektor für opake sowie eine solarthermische Jalousie für transparente Fassadenanteile. Der aktuelle Stand der beiden Entwicklungen wird auf der BAU 2017 vorgestellt.

Im Projekt »ArKol – Entwicklung von architektonisch hoch integrierten Fassadekollektoren mit Heat Pipes« entwickelt das Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern...

Im Focus: Designing Architecture with Solar Building Envelopes

Among the general public, solar thermal energy is currently associated with dark blue, rectangular collectors on building roofs. Technologies are needed for aesthetically high quality architecture which offer the architect more room for manoeuvre when it comes to low- and plus-energy buildings. With the “ArKol” project, researchers at Fraunhofer ISE together with partners are currently developing two façade collectors for solar thermal energy generation, which permit a high degree of design flexibility: a strip collector for opaque façade sections and a solar thermal blind for transparent sections. The current state of the two developments will be presented at the BAU 2017 trade fair.

As part of the “ArKol – development of architecturally highly integrated façade collectors with heat pipes” project, Fraunhofer ISE together with its partners...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Bundesweiter Astronomietag am 25. März 2017

17.01.2017 | Veranstaltungen

Über intelligente IT-Systeme und große Datenberge

17.01.2017 | Veranstaltungen

Aquakulturen und Fangquoten – was hilft gegen Überfischung?

16.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Bundesweiter Astronomietag am 25. März 2017

17.01.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Intelligente Haustechnik hört auf „LISTEN“

17.01.2017 | Architektur Bauwesen

Satellitengestützte Lasermesstechnik gegen den Klimawandel

17.01.2017 | Maschinenbau