Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Steuerschätzung des IMK: Einnahmen schrumpfen 2010 um gut 14 Milliarden Euro - Kein Spielraum für weitere Steuersenkungen

04.05.2010
Trotz der wirtschaftlichen Erholung sinken die Steuereinnahmen in Deutschland auch in diesem Jahr weiter.

Gegenüber 2009 schrumpfen die Einnahmen von Bund, Ländern und Gemeinden 2010 um 2,7 Prozent oder gut 14 Milliarden Euro auf 509,8 Milliarden Euro.

Zu diesem Ergebnis kommt die neue Steuerschätzung des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung.

Ursachen für den Rückgang sind die Nachwirkungen der Wirtschaftskrise sowie verschiedene Steuersenkungen der letzten Zeit, insbesondere das Wachstumsbeschleunigungsgesetz vom November 2009. Es verursacht in diesem Jahr Mindereinnahmen von gut sechs Milliarden Euro, schreiben die Steuerexperten Dr. Achim Truger und Dieter Teichmann in ihrer Schätzung, die heute als IMK Report veröffentlicht wird.

In den Jahren 2011 bis 2014 wachsen die Steuereinnahmen zwar wieder an: 2011 um 2,1 Prozent, in den Folgejahren jeweils um mehr als vier Prozent (alle Daten in Tabellenform in den Tabellen 2a und 2b auf den Seiten 4 und 5 des Reports; Link unten). Das Einnahmeniveau des Jahres 2008 wird trotzdem erst 2013 wieder erreicht. Zudem fallen die Steuereinnahmen nach der aktuellen IMK-Schätzung im Zeitraum von 2010 bis 2013 erheblich niedriger aus, als der Arbeitskreis Steuerschätzungen in seinen letzten vorliegenden Prognosen von Mai bzw. November 2009 angenommen hatte. Für 2010 rechnen die IMK-Experten mit Mindereinnahmen von 1,7 Milliarden Euro. Die Differenz wächst bis 2012 auf bis zu 9,5 Milliarden Euro. Für 2013 kalkuliert das IMK mit Steuereinnahmen von gut 567 Milliarden Euro - das sind acht Milliarden Euro weniger als der AK Steuerschätzungen zuletzt prognostiziert hatte. Für den gesamten Zeitraum 2010 bis 2013 summieren sich die Mindereinnahmen nach der IMK-Schätzung auf 25,3 Milliarden Euro (siehe Tabelle 3). Besonders betroffen von der schwächeren Entwicklung sind die Gemeinden.

"Angesichts dieser düsteren Aussichten für die Finanzpolitik verbietet sich jede weitere Diskussion um zusätzliche Steuersenkungen von selbst", warnen Truger und Teichmann. Für das Wirtschaftswachstum würden sie bei zusätzlichen deutlichen Einnahmeausfällen bestenfalls geringe Impulse bringen. Werde an anderer Stelle bei den Staatsausgaben gespart, um die Einnahmeausfälle gegenzufinanzieren, könne eine Steuersenkung das Wachstum sogar bremsen, warnen die Fachleute.

An wichtigen Punkten verfehlten die Steuerpläne der FDP auch die von der Regierungskoalition selbst gesetzten Ziele, analysieren Truger und Teichmann. Sie machten das Steuersystem nicht verständlicher und würden nicht primär die unteren und mittleren Einkommen, sondern eher die Gutverdiener entlasten. Die in der Summe höchste absolute tarifliche Entlastung hätten nach den Berechnungen der Ökonomen Ehegatten mit einem zu versteuernden Einkommen von jährlich 106.000 Euro zu erwarten. Sie könnten 3.068 Euro mehr behalten. Für Einzelpersonen mit einem Einkommen von 53.000 Euro wären es 1.534 Euro.

Bei niedrigen zu versteuernden Einkommen von bis zu 11.000 Euro ist nach den Berechnungen des IMK dagegen mit einer zusätzlichen Belastung zu rechnen, die die Entlastung durch den geplanten Stufentarif übersteigt. Das ergibt sich daraus, dass Steuervergünstigungen wie der Arbeitnehmerpauschbetrag gestrichen und durch eine Pauschale von zwei Prozent der Einkünfte ersetzt werden sollen. Bis zu einem Einkommen von 46.000 Euro würde die tarifliche Entlastung zumindest spürbar gemindert. Unter dem Strich würden Kleinverdiener also mehr Steuern zahlen, stellen die Forscher fest.

Das erklärte Ziel einer Steuervereinfachung werde ebenfalls nicht erreicht, konstatieren die Steuerexperten. "Die Höhe der eigenen Durchschnittssteuerbelastung dürfte für die Steuerzahler genau wie im geltenden Recht nur durch Steuertabellen ermittelt werden können." Steuervereinfachung sei im Wesentlichen keine Frage des Steuertarifs, sondern hänge davon ab, ob die Finanzverwaltung serviceorientiert arbeitet und die Bemessungsgrundlage klar und einfach zu bestimmen ist.

Längerfristig halten die Wissenschaftler Steuererhöhungen für unumgänglich. Für wesentliche Investitionen in Bildung, Forschung und eine ökologische Infrastruktur brauche die öffentliche Hand mehr Geld. Um Steuererhöhungen möglichst konjunkturunschädlich zu gestalten, empfiehlt IMK-Experte Truger eine Anhebung des Einkommensteuertarifs bei hohen Einkommen, eine höhere Erbschaftsteuer, die Wiedereinführung der Vermögensteuer oder eine Finanztransaktionsteuer. Durch derart gezielte Steuererhöhungen könnte auch die in den vergangenen Jahren gewachsene Schieflage bei der Einkommensverteilung korrigiert werden.

Rainer Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.boeckler.de/320_104478.html
http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_report_49_2010.pdf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht RWI/ISL-Containerumschlag-Index bleibt aufwärts gerichtet
20.07.2017 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

nachricht Frühwarninstrument zeigt „grün“ - IMK-Konjunkturindikator: Rezessionsgefahr bleibt gering
19.07.2017 | Hans-Böckler-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungen

Den Nachhaltigkeitskreis schließen: Lebensmittelschutz durch biobasierte Materialien

21.07.2017 | Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einblicke unter die Oberfläche des Mars

21.07.2017 | Geowissenschaften

Wegbereiter für Vitamin A in Reis

21.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten