Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Steuerschätzung des IMK: Einnahmen nehmen 2011 um 22 Milliarden Euro zu

05.05.2011
Kein Spielraum für weitere Steuersenkungen

In Folge der wirtschaftlichen Erholung steigen die Steuereinnahmen in Deutschland in diesem Jahr deutlich an. Gegenüber 2010 wachsen die Einnahmen von Bund, Ländern und Gemeinden 2011 um rund 22 Milliarden Euro oder gut vier Prozent auf 551,3 Milliarden Euro.

Zu diesem Ergebnis kommt die neue Steuerschätzung des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung. Die IMK-Schätzung fällt somit für 2011 um 14 Milliarden Euro höher aus als die letzte Prognose des Arbeitskreises Steuerschätzung vom November 2010.

Falls die derzeit vorliegenden günstigen Konjunkturprognosen auch mittelfristig zutreffen sollten, könnte die öffentliche Hand von 2011 bis 2014 zusammengenommen sogar mehr als 125 Milliarden Euro zusätzlich einnehmen, berechnen die Steuerexperten Dr. Achim Truger, Henner Will und Dieter Teichmann. Damit würde sich „parallel zur allgemeinen Wirtschaftserholung auch die Lage der über lange Jahre schwer strapazierten öffentlichen Haushalte mittelfristig in einem noch vor kurzen für unvorstellbar gehaltenen Ausmaß entspannen“, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Schätzung, die heute als IMK Report veröffentlicht wird.*

Angesichts von erheblichen weltwirtschaftlichen Risiken und der finanziellen Restriktionen durch die „Schuldenbremse“ des Bundes warnen die Wissenschaftler jedoch dringend davor, die aktuelle Stabilisierung der Staatseinnahmen durch weitere Steuersenkungen wieder zu schwächen. „Es sollte nicht vergessen werden, dass es in den vergangenen 20 Jahren für die deutsche Wirtschaft keine Fünfjahresphase gegeben hat, in der es zu keinem kräftigen Konjunkturabschwung kam“, schreiben Truger, Will und Teichmann. In einem Risikoszenario zeigen sie, dass ein Konjunktureinbruch den Bund rasch in eine Situation bringen könnte, in der die Anforderungen der Schuldenbremse nur durch zusätzliche Sparpakete zu erfüllen wären. Das würde den Abschwung dann noch verschärfen, warnt das IMK.

Als wesentliche Ursachen für die positive Entwicklung der Steuereinnahmen nennen Truger, Will und Teichmann neben der starken konjunkturellen Entwicklung in den Jahren 2010 und 2011 einen abnehmenden fiskalischen Einfluss der Steuerermäßigungen aus der Zeit der akuten Wirtschaftskrise. Dieser zweite Faktor ist der Hauptgrund dafür, dass sich der Anstieg bei den Steuereinnahmen im kommenden Jahr noch einmal beschleunigen dürfte. Die Steuereinnahmen von Bund, Ländern und Gemeinden werden 2012 nach der IMK-Schätzung knapp 580 Milliarden Euro betragen – ein Plus von 5,2 Prozent gegenüber 2011. In den Jahren 2013 bis 2015 dürfte das Steueraufkommen dann wieder etwas schwächer wachsen. Für 2015 prognostizieren die Steuerexperten staatliche Einnahmen von 650,6 Milliarden Euro.

Allerdings ist die erwartete positive Entwicklung der Staatsfinanzen entscheidend davon abhängig, dass die deutsche Wirtschaft auch in den kommenden Jahren solide wächst. In den aktuellen Konjunkturprognosen, etwa der gemeinschaftlichen Diagnose von IMK, WIFO Wien und dem Pariser OFCE, wird das als derzeit wahrscheinlichste Entwicklung angenommen. Der deutliche Preisanstieg für Energie und Rohstoffe, die ungelöste Eurokrise und mögliche vorschnelle Zinsanhebungen durch die europäische Zentralbank stellen nach Analyse der Konjunkturforscher aber ehebliche Risiken dar.

Wie stark sich schon ein – im Vergleich zur letzten Wirtschaftskrise – moderater Wachstumseinbruch auf die Steuerreinnahmen auswirken würde, stellen Truger, Will und Teichmann in ihrem Risikoszenario bis 2015 dar. Die Forscher nehmen dazu an, dass das reale Bruttoinlandsprodukt in den Jahren 2012, 2013 und 2014 nicht um zusammengenommen gut viereinhalb Prozent wächst, so das Basisszenario, sondern nur um anderthalb Prozent. Effekt: Von den im Basisszenario prognostizierten Steuermehreinnahmen von kumuliert 125 Milliarden Euro zwischen 2011 und 2014 bliebe nur noch etwa die Hälfte übrig. Gleichzeitig schmölze der Spielraum des Bundes im Rahmen der Schuldenbremse immer mehr ab. Im Jahr 2015 müsste der Bund dann bereits Sparmaßnahmen in Höhe von 1,9 bis 6,5 Milliarden Euro treffen, um die Schuldenbremse nicht zu verletzen.

Die Forscher empfehlen daher, trotz der guten Prognose-Zahlen aus dem Basisszenario fiskalpolitische Vorsorge zu treffen. Die Steuermehreinnahmen sollten weder für Steuersenkungen noch für Ausgabensteigerungen verwendet werden, sondern als Puffer eingesetzt werden. So wird der Bund nach den Berechnungen des IMK in den Jahren 2012 bis 2014 jeweils rund 10 Milliarden Euro weniger Kredite aufnehmen müssen, als nach der Schuldenbremse im Grundgesetz erlaubt wären. Diese Beträge sollten auf dem dafür vorgesehenen Kontrollkonto verbucht werden, um in konjunkturell schwächeren Phasen mehr finanzielle Bewegungsfreiheit zu erhalten.

Längerfristig halten die Wissenschaftler Steuererhöhungen für unumgänglich. Die Steuersenkungen der vergangenen Dekade hätten zu einer strukturellen Unterfinanzierung geführt. Zudem brauche die öffentliche Hand für wesentliche Investitionen in Bildung, Forschung und eine ökologische Infrastruktur mehr Geld. Um Steuererhöhungen möglichst konjunkturunschädlich zu gestalten, empfiehlt IMK-Experte Truger Steuererhöhungen für hohe Einkommen und Vermögen.

*Achim Truger, Henner Will, Dieter Teichmann: IMK Steuerschätzung 2011 bis 2015. Kräftige Mehreinnahmen: kein Grund für finanzpolitischen Übermut. IMK Report Nr. 62, Mai 2011. Download: http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_report_62_2011.pdf

Ansprechpartner in der Hans-Böckler-Stiftung

Dr. Achim Truger
Steuerexperte IMK
Tel.: 0211-7778-264
E-Mail: Achim-Truger@boeckler.de
Henner Will
Steuerexperte IMK
Tel.: 0211-7778-594
E-Mail: Henner-Will@boeckler.de
Rainer Jung
Leiter Pressestelle
Tel.: 0211-7778-150
E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de

Rainer Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_report_62_2011.pdf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht RWI/ISL-Containerumschlag-Index tritt auf der Stelle
24.11.2016 | RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

nachricht Lemgoer Wissenschaftler wollen smarte Banknote realisieren
08.11.2016 | Hochschule Ostwestfalen-Lippe

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Flüssiger Wasserstoff im freien Fall

05.12.2016 | Maschinenbau

Forscher sehen Biomolekülen bei der Arbeit zu

05.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungsnachrichten