Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Schuldenquote Griechenlands lässt sich ohne Schuldenschnitt deutlich senken

20.10.2011
Die griechische Schuldenkrise lässt sich ohne Schuldenschnitt lösen, zeigen Berechnungen des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung.

Im Rahmen eines wachstumsschonenden Konsolidierungsprogramms könnte die griechische Staatsschuldenquote bis 2030 um rund 30 Prozentpunkte reduziert werden. Immer härtere Sparauflagen erschweren hingegen die Konsolidierung.

Fast täglich spitzt sich die Debatte um die griechischen Staatsfinanzen zu. Die Troika aus EU, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) verlangt neue Sparprogramme, weil das Haushaltsdefizit erneut höher ausfallen dürfte als prognostiziert. Etliche Ökonomen fordern einen Schuldenschnitt.

Damit würden die Europäer aber ohne Not unkalkulierbare Risiken eingehen, warnt das IMK. "Die bislang beschlossenen Hilfen - verbunden mit weiteren Liquiditätsgarantien zur Beruhigung der Finanzmärkte - bieten gute Voraussetzungen dafür, die griechische Schuldenquote schon in wenigen Jahren deutlich sinken zu lassen", sagt Gustav A. Horn, der wissenschaftliche Direktor des IMK. "Angesichts des Risikos, mit einem Schuldenschnitt ein neues Beben an den Finanzmärkten auszulösen, wäre es völlig widersinnig, diese Chance nicht zu nutzen."

Die Forscher analysieren in ihrer neuen Untersuchung den Sparkurs in Griechenland und die Wirkung der Hilfspakete. Der griechischen Regierung attestieren sie erhebliche Konsolidierungserfolge. So sank das Haushaltsdefizit im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 15,4 Prozent 2009 auf 10,5 Prozent 2010. Für dieses Jahr wird ein Fehlbetrag von 8,5 Prozent erwartet. Zum Vergleich: Der IWF untersuchte weltweit zahlreiche Fälle, in denen Staaten ihr Defizit zurückfahren mussten. Im Durchschnitt betrug die Reduzierung dort nur 1,7 Prozentpunkte - in zwei Jahren.

Dass die Griechen gleichwohl die noch niedrigeren Defizit-Erwartungen der Troika verletzen, führt die IMK-Untersuchung primär nicht auf fehlenden Sparwillen zurück, sondern vor allem auf zu optimistische Annahmen zur Wirtschaftsentwicklung. Die Fachleute der Troika hätten schlicht unterschätzt, wie massiv die Sparprogramme das BIP schrumpfen lassen. So rechneten sie in ihrem ersten Anpassungsprogramm von 2010 für 2011 mit einem Rückgang um lediglich 2,6 Prozent. Aktuelle Prognosen gehen hingegen davon aus, dass die griechische Wirtschaft in diesem Jahr um mindestens fünf Prozent schrumpft. Deshalb sei weiteres "Hinterhersparen" auch keine Lösung, sondern verschärfe Konjunktur- und Defizitprobleme noch.

In seinen eigenen Simulationsrechnungen, welche die griechische Schuldenquote bis 2030 prognostizieren, kalkuliert das IMK daher mit einem deutlich geringeren Wirtschaftswachstum als Folge des Konsolidierungskurses. Dieser Negativ-Faktor wird aber nach Analyse der Wissenschaftler mehr als ausgeglichen durch eine Erleichterung, die der erweiterte Rettungsschirm den Euro-Krisenländern bringt: Auf Hilfskredite müssen sie nicht mehr fünf bis sechs Prozent Zinsen zahlen, sondern im Schnitt lediglich 4,3 Prozent.

Die positive Entwicklung lasse sich noch fördern, wenn die Konsolidierungsvorgaben zeitlich gestreckt würden. Das trage selbst unter vorsichtigen Wachstumsannahmen wesentlich dazu bei, dass die griechische Schuldenquote ab 2016 kontinuierlich abnimmt - ganz ohne riskanten Schuldenschnitt, so das IMK. Unter diesen Voraussetzungen würde die Schuldenquote bis 2030 auf knapp 120 Prozent des BIP sinken - heute sind es gut 150 Prozent.

Rainer Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.boeckler.de/14_38154.htm
http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_report_66_2011.pdf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht IMK-Konjunkturindikator: Rezessionsgefahr nahe Null
18.01.2017 | Hans-Böckler-Stiftung

nachricht WSI-Tarifarchiv: Tariflöhne und -gehälter 2016: Reale Steigerungen von 1,9 Prozent
05.01.2017 | Hans-Böckler-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Wie der Nordatlantik zum Wärmepirat wurde

23.01.2017 | Geowissenschaften

Immunabwehr ohne Kollateralschaden

23.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

23.01.2017 | Physik Astronomie